Elternzeit-Blog

9
Jun
2008

Lauf, Papa, lauf!

Die Vaterzeitschrift bietet jetzt auch Nutzwert für Sportler.
Genauer: Für Läufer mit Kind.
Mein heutiger erster Auslauf mit Henri im Wagen ließ mich die folgenden 10 Tipps entwickeln (Rückschlüsse auf unseren heutigen Ausflug sind durchaus erlaubt, wenn auch nicht in jedem Falle zutreffend):

1. Einen bequem einhändig lenkbaren Kinderwagen wählen. Schnelles Abbiegen an Straßenecken artet sonst zum Kraftakt aus – oder führt zum Kentern. (Tipp: große Reifen, möglichst einer vorn, zwei hinten.)
2. Möglichst eine Strecke ohne viele Ampeln aussuchen. Wer bremst, provoziert – und zwar Babys Geschrei. Am besten laufen Sie von zuhause zum nächsten Park oder Sportplatz, wo Sie ungestört und ungebremst Ihre Runden drehen können. Wirklich NAH gelegene Naherholungsgebiete sind natürlich Gold wert.
3. Zu Beginn nur sanft traben, deutlich unter dem normalen Lauftempo bleiben. Die höhere Geschwindigkeit, die andere Geräuschkulisse und vor allem das laufschrittbedingte Auf- und Abhopsen von Papas Kopf machen das Kind nervös. NERVÖS!
4. Den MP3-Player erst in Betrieb nehmen, wenn a) Sie den Straßenverkehr verlassen haben, und b) Baby schläft. (Und Baby möglichst NICHT die Kopfhörerkabel greifen lassen. Baby findet die nämlich lecker – und am Ende beschallen Sie nur Babys Gaumen.)
5. Natürlich gilt auch hier die oberste Vaterzeitregel: Nicht zu weit vom heimatlichen Kühlschrank bzw. Milchflaschenwärmer entfernen.
6. Andere, langsamere Läufer weiträumiger überholen als zu Zeiten ohne Kinderwagen. Sonst drohen Auffahrunfälle.
7. Nicht traurig sein, wenn sich keine langsameren Läufer finden. Immerhin schieben Sie ein ganzes Leben vor sich her.
8. Bei der Streckenkalkulation dran denken: Baby wird vielleicht vor der erwarteten Zeit aufwachen. Baby wird das, was Sie da tun, möglicherweise ganz und gar nicht gutheißen. Baby wird Sie daran hindern, das weiter zu tun und auf dem schnellsten Weg nach Hause BITTEN. Rechnen Sie diesen schnellsten Weg gleich mit ein.
9. Nicht zu viel wollen. Die übliche Stunde werden Sie nicht joggen können. Keine Chance. Seien Sie froh über 30 Minuten, vielleicht 45. Und nicht zu laut damit prahlen, denn laufende Väter wissen: Laufzeit ist hier nie gleich gelaufene Zeit. Mal fliegt ein Spielzeug aus dem Wagen, mal wacht der Passagier auf und will dutzi-dutzi, mal gerät der laufende Vater mit einer Bordsteinkante in Konflikt und wird zum stolpernden Vater, woraufhin der Kinderwagen seinen paddelnden Händen entgleitet und nur noch über das Kabel des – glücklicherweise – am Kinderwagengriff befestigten MP3-Players mit dem mittlerweile sich-so-gerade-eben-auf-den-Beinen-haltenden Vater verbunden ist.
10. Übertreiben Sie es nicht mit dem Equipment. Vernünftige Laufschuhe – okay. Ein atmungsaktives Shirt – auch gut. Nicht mehr. Gehen Sie nicht aus dem Haus, als würden Sie von namhaften Sportartikelherstellern gesponsert und bis hin zur verspiegelten Läuferbrille komplett ausgerüstet. Die Leute werden eh schon denken, dass Sie bekloppt sind. Joggen mit Kinderwagen, was sind das bloß für Bewegungssüchtige. Und irgendwie haben sie ja Recht. Manche – vor allem andere, SCHNELLERE Läufer – werden sogar genervt sein von diesem ausladenden Roll-Mitbringsel auf IHRER Rennstrecke. Müssen Sie ja nicht auch noch bunt leuchtend vor sich hin stylen wie ein Marathon-Männchen.

Wenn Sie nicht weiter auffallen, passiert es Ihnen vielleicht auch nicht, dass jemand über Sie sagt: „Ganz schön sportlich für jemanden mit Gehhilfe.“
Der Vater mi’m Rollator.
Soweit so gut.
Mal sehen wie es beim nächsten Mal läuft.

7
Jun
2008

EM 2008

Bevor es losgeht noch ein kurzer, aber großer Dank an die Organisatoren der EURO 2008.
Die Anfangszeiten der Spiele (18.00 und 20.45 Uhr) sind ja so dermaßen elternfreundlich!
In der Halbzeitpause des ersten Spiels können wir Henri prima bettfertig machen, in der Pause zwischen beiden Spielen können wir ihn in aller Ruhe ins Bett bringen. Super!
Doof nur, dass wir als übervorsichtige Eltern die 18-Uhr-Spiele nicht sehen, sondern nur hören werden, während wir mit Henri ein paar intensive Trainingseinheiten einlegen, alles mit einem spielerischen Ansatz of course, um das Ziel EM'08 (Elternmeister 2008) zu erreichen. ;-)
Umso erfreulicher, dass die deutsche Mannschaft 2/3 ihrer Gruppenspiele um 20.45 Uhr beginnt.
Auch dafür ein herzliches Dankeschön!

6
Jun
2008

Der Zipfelzapfenzupfer

Wofür Kinder sich so begeistern können.
Klar: Flugzeuge, Bagger, Autos.
Pferde, Kühe, Elefanten.
Jaja, demnächst dann mal.
Kommt alles noch.
Erst die kleinen Dinge.
Für Henri sind es im Moment eher:
Schnürsenkel, Uhrarmbänder, Reißverschlussschlitten, T-Shirt- oder Teppichetiketten.
Alles was klein und zipfelig aus oder von etwas Großem herausragt oder vorsteht.
Ideal ist zum Beispiel der winzigkleine Reißverschluss eines großen Kissens, das polstermonsterartig über Commander Henri herfällt, bis er es an seinem wundesten Punkt (besagtem Reißverschlusszipfel) packt und in die Schranken beißt – wenn man bei dieser zahnlosen Felgenattacke von „beißen“ reden kann.
Und so kreiselt, rollt und rückzwerggleitet der kleine Mann durch die Wohnung, immer auf der Suche nach Zipfeln, Zöpfen und Zapfen, an denen er seine Pinzetten- und Scherengriffe ausprobieren kann.
Jugend forscht.
Zu seinen beliebtesten Forschungsobjekten gehören:
- das Etikett seines Spielteppichs
- die Kordeln an Mamas „University of Sydney“-Jogginghose
- die Reißverschlüsse an unseren Couchkissen
- Papas Swatcharmband
- alle Kordeln, Senkel und Wollfäden, die sich in einer Wohnung so finden lassen.
(Ich hoffe nur, dass ihm und uns in dieser Phase jegliche Begegnung mit Regenwürmern und Rattenschwänzen erspart bleibt...)
Anlässlich dieser Zipfel-Mania habe ich einen kleinen Zungenbrecher entworfen, den ich allen geneigten Lesern zum Vor-sich-hin-Brabbeln empfehlen kann:

Der Zipfelzapfenzupfer zupft ein neues Zapfenzipfelopfer an seinen Zipfelzapfenzöpfen.


Viel Spaß!

3
Jun
2008

Neue Reportage-Rubrik: Elternzeit live!

Liebe Leser der Vaterzeitschrift, willkommen bei unserer neuen Rubrik

Elternzeit live!

In dieser Reportage-Reihe werde ich in unsteter Regelmäßigkeit aus der harten Realität der Kinderreichen berichten und anhand praktischer Beispiele aufzeigen, mit welch unberechenbaren Widrigkeiten und welch ungeahntem Maß eigener Inkompetenz ungelernte Familienmanager heute zu kämpfen haben. Das Fazit schon mal vorweg:
Es gibt viel zu lernen.
Fangen wir an.

Das Jahr 2026.
Mein 19-jähriger Sohn Henri kommt von seiner Sitzung bei den Anonymen Alkoholikern nach Hause und sagt: „Vater, das ist alles deine Schuld.“ Ich senke den Blick, mache den Rücken noch krummer als er es vor Schuldgefühlen ohnehin schon ist und sage: „Ja, mein Sohn, ich weiß. Hätte ich dich damals besser vor der Droge geschützt, wäre alles anders gelaufen.“ Der verzeihende, aber doch enttäuschte Blick meines Sohnes erhöht meine Strafe ins Unermessliche.
Flash.
Zurück in der Gegenwart.
Die Lage ist prekär, aber nicht hoffnungslos.
Noch kann ich die Schrecken der Zukunft abwenden.
Aber habe ich die Kraft dazu?
Vor mir liegt Henri, 7 Monate alt, in seinem Kinderwagen. Umgeben von leeren Bier- und Weinflaschen. Er bewegt den Arm, sein Ellenbogen stößt eine Pulle gegen eine andere, es klirrt. Das Klirren wird in meinem Kopf zu einem schrillenden Alarm.
Zeit zu handeln.
Es ist erst wenige Momente her, dass...

Der Morgen des 3. Juni 2008. Der heutige Aufgabenkatalog sieht leicht zu bewältigen aus: Kurzer Schlaf- und Shopping-Parcours, halbstündiges Nickerchen für den Sohnemann. (So ist das meistens: Immer sieht es aus wie ein „ganz normaler Tag“. Aber in einer Welt ohne Routine, ohne Normalität kann das alles bedeuten.)

Folgende Posten gilt es die Treppe hinunter und dann per Kinderwagen zu den Stationen Altglas-Container, Pfandautomat im Supermarkt und – alles übrig gebliebene – zum Weiher-Spazier-Rundkurs zu transportieren:
1. 8 leere Bierflaschen (natürlich großenteils alkoholfrei)
2. 2 leere Weinflaschen
3. 3 leere Marmeladengläser
4. 3 leere Plastikflaschen
5. 1 Kleinstkind
6. 1 Wickeltasche

Schon beim Beladen des Sherpas (ich) gerät selbiger an die Grenzen seiner logistischen Leistungsfähigkeit. Ich hänge mir die Wickeltasche um, nehme Henri auf den Arm, vergesse das Handy, lege Henri wieder ab, beuge mich zum Handy hinunter, die Wickeltasche rutscht mir in den Nacken und um den Rücken, schwingt nach vorne und schlägt mir das Handy – und beinahe Henri – aus der Hand. Ich verliere FAST das Gleichgewicht, kann Henri und mich gerade noch fangen und trete auf das Handy.
Physikalisch unmöglich?
Von wegen.
Das war eine Warnung, und ich hätte sie beherzigen müssen.

Stattdessen starte ich einen zweiten Versuch, gehe mit der Wickeltasche auf dem Rücken, Henri auf dem Arm, der Recycling-Tasche in der einen und dem Schlüssel in der anderen in den Hausflur, schließe ab, verstaue den Schlüssel und lege die frei gewordene Hand aufs Geländer.
Seufzer: Sicherheit.
Das Geländer ist stabil und fest.
Es gibt Halt.
Es wird mich die nächsten drei Stockwerke begleiten. Kann es nicht auch bis zum Container bei mir bleiben, bis in den Supermarkt? Das ganze Leben?

Irgendwie klappt es dann auf die Straße, den Riemen der Wickeltasche über den Lenker gehängt, die Flaschen-Tasche in der einen, den Kinderwagen an der anderen Hand. Zum Container ist es nicht wirklich weit, etwa 300 Meter, eine Ampel. Aber schon nach wenigen Schritten merkt der Profi: Das wird so nix. Einhändig lenken saugt. Also stelle ich die Flaschentasche auf den Rand des Kinderwagens, unterstützt vom quer liegenden Gurt der Wickeltasche. Voilà! denkt der Profi, und rennt in sein Verderben.

An der „Wertstoff-Sammelstelle“ angekommen friemele ich erst das Altpapier durch den Schlitz des Containers und freue mich gedankenlos, dass das alles so easy klappt.
Bevor es so richtig easy und total gedankenlos werden kann, wird es fürchterlich.
Beim Ausschütteln der Papiertasche stoße ich leicht gegen den Kinderwagen.
Die Flaschentasche, eine grellgrüne australische Monster-Shopping-Bag mit rechteckigem Boden (ca. 30x40 cm, 45 cm hoch) schwankt bedrohlich hin und her.
Ich greife danach.
Ich bin zu langsam.

(Hundertstel-Sekunden-Stoßgebet: Kipp auf die Straße! Auf die Straße! Weg vom Kinderwagen!)
(Anmerkung des Internationalen Zentrums für Glaubensfragen: Die Flaschentasche ist keine Gottheit, sie erhört also auch keine Gebete.)

In Zeitlupe sehe ich, wie die Tasche mit zehn leeren Glasflaschen geradewegs auf das Glück meines Lebens zukippt.
Das Glück droht unter Glasmassen verschütt zu gehen.
Im Scherbenhagel zu versinken.
Geschätzte 10 Millionen Mal schneller als in Zeitlupe sehe ich meinen Arm vorschießen, so schnell, dass ich gar nicht sicher bin, ob es MEIN Arm ist, und es erst ganz sicher weiß, als er die Tasche schon gepackt und festgehalten hat.
Der Arm war schneller an der Tasche als die Information darüber beim Gehirn.
Eltern sind rein reflexgesteuerte Wesen.
Wir erfahren erst, was wir tun wollen, wenn unser Körper bereits damit fertig ist. (Ausnahme: Schlafen. Das wollen wir immer – und werden nie damit fertig.)

Zurück aufs Reflexschlachtfeld.
Die Gefahr ist nicht gebannt.
Drei Flaschen schaffen es trotzdem aus der großen Taschenöffnung herauszurutschen, eine landet links, zwei rechts neben Henri.
Nur NEBEN. Der zuständigen Gottheit: besten Dank.
Henri kommentiert diese Schrecksekunde treffend mit einem pikierten:
„Agguuu?“

„Jungchen, du weißt gar nicht, wie viel Glück du hast“, will ich gerade Indiana-Jones-mäßig zwischen den Zähnen hervor quetschen.
Da werde ich auf unschöne Weise daran erinnert, dass Flaschen nie ganz leer sind, und dass Flüssigkeiten auch der Schwerkraft gehorchen.
Eine kombinierte Wein-Bier-Limo-Dusche ergießt sich auf Henris Baby-Body (Größe 74, Modell „I love N. Y.“). Binnen Sekunden riecht der Kleine wie ein Kiezschwärmer nach dem zwölften Herrengedeck.
„Agööö?“
Für einen Moment bin ich wie gelähmt.
Fuselgeruch steigt aus dem Kinderwagen meines Sohnes auf.
Mich befällt eine Vision, in der mein 19-jähriger Sohn im Jahr 2026 gerade von seiner Sitzung bei den Anonymen Alkoholikern nach Hause...

Nix da.
Innerhalb von gefühlten 30 Sekunden habe ich:
- das (ansonsten sehr praktische, nun aber vehement störende) Kinderwagen-Sonnensegel (etwa 10 Euro, z. B. bei www.1bis3.de) beiseite gerupft
- die Flaschen und Henri aus dem Wagen geholt
- ihn mit fliegenden Händen aus dem Body gepellt
- ihm ein T-Shirt und eine Hose aus der Wickeltasche angezogen
- das Altglas entsorgt
- den Ort meines Beinahe-Verbrechens fluchtartig verlassen

Puh. Hechel, hechel.
Äh: Keine weiteren Vorkommnisse am Pfandautomaten.
Hat aber auch gereicht.

2
Jun
2008

Springer auf c4

Wenn es um kindliche Fortbewegung geht, heißt es immer:
Robben, krabbeln, laufen.
M-hm.
Später vielleicht.
Das ist aber längst nicht alles.
Es gibt noch:

1. seitwärts rollen: immer vom Bauch auf den Rücken auf den Bauch auf den Rücken mit dem Kopf an die Wand

2. bäuchlings um den eigenen Bauchnabel rotieren (nicht sehr effektiv, um von A nach B zu kommen – sehr effektiv, um einen 360°-Panorama-Eindruck zu bekommen)

3. rückwärts gleiten: besonders auf glatten Böden sehr beliebt, einfach mit beiden Händen aufstützen und nach hinten abstoßen (führt allerdings zu großer Frustration, wenn – wie meistens – die intendierte Fortbewegungsrichtung VORWÄRTS ist)
Die Fortbewegung ist also kompliziert – noch schlimmer als für das Pferd beim Schach – aber machbar.

Beispielaufgabe: Baby will zu einem Spielzeug zirka 50 Zentimeter halbrechts vor ihm kommen. Dafür rollt es (a) auf den Bauch, rotiert (b) um etwa 90 Grad nach rechts, so dass das Objekt nun auf seiner linken Seite ist (c), dann rollt Baby seitlich (d), bis es ans Spielzeug stößt (e). Danach rückwärts rutschen (f), bis das Objekt auf Kopfhöhe liegt (g), dann einfach zugreifen (h).
Simpler geht’s ja wohl kaum, oder?
Klappt diese Prozedur so nicht, bleibt immer noch Möglichkeit

4. Schrei-Taxi: einfach brüllen und tragen lassen.

Oh, apropos:
Muss los.

30
Mai
2008

Schlaf-und-Wander-Lied

Jaja, Spaziergänge.
Wissen Sie, was ich immer denken muss, wenn ich mit Henri im Kinderwagen meine Runden drehe, damit der Kleine seinen Vor- und Nachmittagsschlaf bekommt? (Zuhause im Bett schläft er tagsüber nicht.)
Nun, das hier:

Im Wagen vor mir (frei nach Henry Valentino)

Ra-ta, ra-da, ra-da-ta, ra-da...

Vater:
Im Wagen vor mir liegt ein kleiner Junge
er schläft nicht ein – trotz meiner Trickserei’n.
Ich bekomm’ ihn nicht gebändigt und ich krieg’ hier bald zuviel.
Fehlt mir für diese Sache das Gefühl?

Im Wagen vor mir liegt ein kleiner Junge.
Ich möcht´ gern sehen, dass er endlich pennt.
Mensch, du gehst mir auf den Sender, wozu geh’n wir eigentlich raus?
Du schläfst jetzt ein – oder ab nach Haus!

Ra-ta, ra-da, ra-da-ta, ra-da...

Sohn: (Vater:)
Was will der blöde Kerl da hinter mir nur? (vielleicht ’n Schnuller?)
Ich frag´ mich, warum ist der so verspannt? (oder doch eher Milch?)
Der ruckelt nun ’ne halbe Stunde ständig an mir rum,
diese Schaukelei ist doch echt penetrant! (der Stop-and-Go-Trick?)
Ich könnte schon ’ne halbe Stunde schlafen (ist die Windel voll?)
Mensch´ hör doch auf mit der Wackelei! (ich komm nicht klar!)
Will der mich umrühren oder gleich zentrifugieren,
ich frage mich, was denkt der sich dabei?

Ra-ta, ra-da, ra-da-ta, ra-da...

Vater:
Von wegen schön, dass ich jetzt Elternzeit hab'.
Ständig muss ich rasen wie ein wilder Stier.
Täglich 13.000 Schritte, immer ’rum um uns’re Hütte.
Ach, ich wünschte seine Mutter wär jetzt hier.

Sohn: (Vater:)
Nun find ich diese Sache langsam albern! (ah, das Schaukeln wirkt!)
Die sind doch peinlich, diese Hampelei’n. (da, die Augen: zu!)
Soll der doch weiter turnen, das soll mich nicht weiter wurmen,
verdammt, ich schlafe jetzt trotz allem einfach ein.

Vater:
Bye-Bye, mein kleiner Bursche – schönes Schläfchen!
Er hat die Augen zu, jetzt schläft er ein.
Ich dreh’ hier noch drei Runden, und dann geht es wieder heim
doch es wird sicher nicht der letzte Ausflug sein.

Ra-ta, ra-da, ra-da-ta, ra-da...

P. S. Der Stop-and-Go-Trick für alle interessierten (und verzweifelten) Väter kurz erklärt: Kinderwagen in normalem Tempo schieben, alle zwei Schritte kurz und sanft den Wagen zurück ziehen, so dass eine Wiege-Bewegung entsteht. Man kommt nicht schnell vom Fleck – aber schlaftechnisch super voran!

28
Mai
2008

The Wor(l)d of Coffee

Elternzeit verändert die Menschen.
Macht aus Nachtschwärmern Tag-(und-Nacht-)Aktive.
Aus Morgenmuffeln Frühaufsteher.
Aus Gesangsmuffeln „Tuff-tuff-tuff-die-Eisenbahn“-Tenöre.
Aus Windel-Angewiderten Windeseilen-Wechsler.
Oder hier: ich zum Beispiel.
Vom Bohnen-Banausen zu Kaffee-Killer.
Ja, richtig gelesen: Ich trinke Kaffee.
(Jeder der mich kennt, wird das für DIE Top-News des Tages halten. Für alle anderen: Mit Kaffee konnte man mich bislang jagen, sozusagen nicht mit der Erbsenpistole, sondern der Kaffeebohnen-Bombe. Fand das Gesöff früher: bitter, brackig, brrrr. Das war für mich heißes Wasser mit Fäulnisgeschmack.)
Nach mehreren Wochen ohne korrekten Nachtschlaf brauche ich das Koffein jetzt einfach. Und die Kalorien, die ein Iced Chocolate Mocca Frappuccino so zu bieten hat. Denn jeder weiß:
Wer wenig schläft, verbrennt mehr.
Problem ist nur, dass in den Geburtsvorbereitungskursen nicht auch gleich Vokabeln gepaukt werden, die in den – mir bis dato völlig fremden – Starbuck-Worldcoffee-Balzac-Filialen zur Alltagsausstattung gehören. Bisher bin ich bei Starbuck’s höchstens mal aufs Klo, die komplizierten Angebotstafeln habe ich dabei nie studiert.
So ergeben sich also Dialoge wie der folgende, wenn der Neu-Papa und Neu-Kaffeekäufer versucht, sich seinen Sprit zu bestellen:
„Äh, gibt’s den Moccachino auch kleiner als in Grande?“
„Na, tall.“
„Wie: na, toll? Kein Bock auf lästige Kunden-Fragen, oder was?“
„Nein, äh: TALL!“
„Wird auch nicht besser, wenn sie brüllen.“
Tall ist die Größe, Mann.“
„Vielleicht finde ich die aber nicht so TOLL.“
„Herr GOTT! Tall wäre kleiner als Grande.“
„Ja, wäre es echt. Na, egal. Dann also einmal in Grande. Ich schreibe Ihrer Bereichsleitung mal ne E-Mail, wie Sie hier Kunden abfertigen.“
„Tun Sie, was Sie nicht lassen können.“

27
Mai
2008

Flaschenpost

Elternzeit ist schon toll.
Super für die Selbstentfaltung der Mutter, die Weiterentwicklung ihrer Karriere, die Ausschöpfung ihrer multiplen Fähigkeiten.
Fantastisch für die emotionale Bindung des Vaters an sein Kind.
Aber wer fragt eigentlich das Kind?
Dem widerfahren durch das Überreichen des Staffelstabs in der Betreuung vielfach schwerwiegende Verluste. Dem kommt nicht nur eine Person abhanden, sondern gleich ein halbes Dutzend:

- die-so-schön-singt (und zwar richtige Kinderlieder, keinen Britpop-Rock’n’Roll-Scheiß, und zwar so, dass ich keine Kopfschmerzen bekomme)
- die-sofort-nach-einem-Versuch-die-Windel-zubekommt (ohne mich ewig lang wie ein Paket zusammengeknautscht festzuhalten, bis der Klebestreifen an der richtigen Stelle sitzt)
- die-weiß-wo-meine-frischen-Sachen-liegen (und nicht stundenlang fluchend die Schränke durchwühlt, um mich dann doch in Jogginghose und Schlafshirt zu kleiden)
- die-mit-dem-Kinderwagen-keine-Rallycross-Meisterschaft-gewinnen-will (und auch mal in gemäßigtem Tempo um die Kurven geht, ohne diese lächerlichen „Brrrrrmmm-brrrrmmm“-Geräusche)
- die-andere-Spiele-kennt-als-Fußball (und mich meine ganzen tollen Chicco-Tüdelüü-Spielzeuge auch mal selbst benutzen lässt)
aber VOR ALLEM:
- die-mit-den-Milchdingern (die mir nicht mit so einer blöden Flasche auf den Hals rückt)
Das Thema also heute (bestimmt nicht zum letzten Mal):
Stillen ohne Mutti.

Kinder können nach weitläufiger Ansicht nicht sprechen.
Sie können sehr wohl etwas sagen.
Zum Beispiel: „Du kannst mir mit deiner ******-Nucki-Pulle gestohlen bleiben, du Pfeife.“
Dafür genügt ein gelangweiltes Kopf-Wegdrehen, ein beidhändig von der Schulter zum Bauch geführter Flaschen-Abwehrschlag oder auch ein routiniertes Überstrecken des Nackens, so dass Babys Hinterkopf fast seinen Po berührt.
Da kann der Papa noch so sehr dutzi-dutzi machen und noch so oft selbst an dieser leckerli-lecker Milchflasche nuckeln (glaubst du eigentlich, ich merke nicht, dass du nur so TUST, Alter?!), da kann die Mama im Büro abpumpen bis sie leer und trocken ist – Babys Message ist ganz klar:
Ich trinke nicht aus der Flasche!
Wie also kommt die Milch in das Kind?
Ein paar Tipps:
- Das Kind bereits spielerisch an die Flasche gewöhnen, bevor es akut wird. Auch mal allein damit herumdaddeln lassen – aber nur selten, so dass der Status des Besonderen erhalten bleibt. Neugier wecken, keine Abstumpfung oder Desinteresse produzieren.
- Nie warten, bis das Kind vor Hunger quengelt. In eine Kneipe, wo man Sie erst um Ihr Bier betteln lässt, gehen Sie doch auch nie wieder, oder? Den Zeitpunkt antizipieren und 10 Minuten eher da sein.
- Milchflaschenwärmer kaufen (ab 8 Euro in Drogeriemärkten oder Babyhäusern). Mikrowelle oder Herd nerven.
- Der Hebammen-Tipp, die Milch-Temperatur an der Innenseite Ihres Handgelenks zu überprüfen, ist ganz gut, weil es sehr temperaturempfindlich ist. Ist aber auch mit Vorsicht zu genießen – WEIL ES SEHR TEMPERATUREMPFINDLICH IST! Und weil die meisten Milchwärmevorrichtungen schon mal übers Ziel hinaus schießen, aua, verdammt.
- Trinkt Baby nicht aus: Nachwärmen. Manche Kinder sind da sehr pingelig.
- Wenn es in der Brustvorhalte (so wie Mama ihn stillt) nicht klappt, nicht verzweifeln. In einer neuen Kneipe gurten Sie sich ja auch nicht gleich an den Tresen. Da muss erst Vertrauen aufgebaut werden. Langsame Annäherung ist gefragt. Ich habe es nach diversen verzweifelten Versuchen im Mama-Style so gemacht: Ich bequem angelehnt auf der Couch, Henri rücklings neben mir liegend, den Kopf an meinen rechten Oberschenkel gelehnt, so als würden wir fernsehen. Dann habe ich ihm ganz beiläufig die Flasche angeboten – und nach drei Versuchen hat er sie genommen und in einem Zug geleert (yippieeee, jauchz).
- Niemals aufgeben. Die Konsequenz wäre ein hungriges Baby – und damit bestraft man sich genau so selbst.
- Oh, apropos: ich muss Schluss machen. Er bekommt da diesen hungrigen Glanz in den Pupillen.

26
Mai
2008

Formularien

Das klasse Ziel der Gleichberechtigung wurde in Deutschland knapp verfehlt.
Ein hübscher Anhaltspunkt für diese These:
Der Antrag auf Elterngeld.
Unter Punkt N des Formulars („Nichtselbständige Arbeit“) werde ich da gefragt, ob ich Mutterschaftsgeld erhalten habe.
Äh: Nö.
Gegen „Vaterschaftsgeld“ würde ich mich aber nicht wehren.
Auch schön: Die Frage, ob ich einen „Einkommensverlust wegen einer maßgeblich auf die Schwangerschaft zurückzuführenden Erkrankung“ erlitten habe.
Nein, mein Chef war so freundlich, über meine fremdhormongesteuerte Launenhaftigkeit ohne Gehaltskürzungen hinwegzusehen.
Gegenfrage: Hätte das gezählt?
In den Erläuterungen der Elterngeldstelle wird der zaghafte Versuch unternommen, diese Übermutterung aufzufangen:
„Im Antragsvordruck wird die neutrale Bezeichnung ‚Elternteil 1’ und ‚Elternteil 2’ verwendet. Damit wird eine Vorfestlegung auf ‚Mutter’ und ‚Vater’ vermieden. Diese Zuordnung wird den Antragstellern überlassen.“
Aha.
Das heißt also, wir können uns jetzt aussuchen, wer Mutter und wer Vater ist?
In den Angaben zum Einkommen findet sich übrigens noch ein hübscher Fehler, der das holzschnittartige „Mutter-Vater-Denken“ in unserer Republik auch sehr schön verdeutlicht.
Das Formular ist aufgeteilt in „Einkommen VOR der Geburt des Kindes“ und „Einkommen NACH der Geburt des Kindes“.
Bei den allermeisten Paaren, die ihre Elternzeit untereinander 50:50 aufteilen, bleibt ja wohl in den ersten Monaten die Mutter zuhause beim Kind und der Vater geht weiter arbeiten, um dann nach 5,6,7 Monaten zu übernehmen. Papa trägt natürlich brav bei „Einkommen NACH der Geburt des Kindes“ die Einkünfte ein, die er in diesen 5,6,7 Monaten erzielt hat – nur um sich dann von der Elterngeldstelle anpfeifen zu lassen:
„WIE, Sie haben WÄHREND der Elternzeit VOLL gearbeitet? WOFÜR wollen SIE denn noch ELTERNGELD?!“
Gemeint ist also nicht das „Einkommen NACH der Geburt des Kindes“, sondern ein eventuelles „Einkommen WÄHREND Ihrer Elternzeit“. Das genau so zu schreiben hätte allerdings eine nicht hinzunehmende Erleichterung beim Ausfüllen für den Elternteil 2 bedeutet. Oder Teil 1, wenn sie der Vater ist.
So ist das eben mit der Muttersprache in unserem Vaterland.

21
Mai
2008

Der will – der kann.

Es heißt doch immer: „So ganz Kleine können ja noch nix.“
Von wegen.
Das will ich jetzt hier mal klarstellen.
Mein Sohn (7 Monate) kann:

- am Tag bis zu 3 Kilometer laufen (auf dem Rücken am Boden liegend, Beine in der Luft strampelnd)
- einen ihm zugeworfenen Ball fangen (mit Händen, Beinen und Füßen, rücklings in den Armen seiner Mutter liegend, die auch nur ein ganz klein bisschen mithilft)
- „Aguu“, „Jölleröö“, „Ababel“ und „Huuwuu“ sagen, in allen Lautstärken
- gezielt nach Gegenständen greifen und diese festhalten, drehen, betrachten und natürlich ablutschen und versuchsweise herunterschlucken (alles gern gesehen bei Spielzeug, nicht so gern bei Mamas Wurstbrot oder den Kordeln an Papas Kapuzensweater)
- vom Rücken auf den Bauch rollen (häufig) und wieder zurück (nicht ganz so häufig)
- durch ein einziges Lächeln wildfremden Menschen den Tag retten
- unheimlich laut schreien
- auf dem Wickelaufsatz für die Waschmaschine (zirka 95 Euro inkl. Versand, www.kindundraum.de) auf die Seite rollen und sich unnachgiebig an dessen Kante klammern, um jegliche weitere Attacke der lästigen Windelwechsel-und-Anzieh-Monster unmöglich zu machen
- einen Fernseher nach seinem (bereits sehr leise gedrehten) Geräusch im Raum orten und seinen Kopf in den unmöglichsten Winkeln dorthin ausrichten, so dass die Eltern, die das arme Kind nicht dem Flackergemetzel der medialen Welt aussetzen wollen, wohl oder übel wieder ausschalten
- den einfachsten Gegenständen wie etwa Plastiklöffeln, Papiertüten, Schnürsenkeln oder Getränkekartons eine halbe Stunde lang seine ungeteilte, von stummem Forscherdrang getriebene Aufmerksamkeit widmen
- ohne Gebrauch von artikulierter Sprache ganz genau seine Bedürfnisse deutlich machen, nur durch Mimik, Gestik – und Gebrüll.

Jetzt zum Beispiel gerade gehen die Bedürfnisse eher weg von "Papa zusehen, wie er an diesem leuchtenden Kasten sitzt" hin zu "mich von Papa spazieren fahren lassen".
Dann also: bis später!
logo

Vaterzeitschrift

Das Elternzeit-Blog von Jens Clasen

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Mitgefühl!
Und sich wieder seitlich wegschmeiss vor Lachen, es...
momoseven - 24. Nov, 21:58
Der falsche erste Tag
Es ist ein Aufruhr in der Welt der Dinge. Eine Verschwörung...
Jens Clasen - 24. Nov, 21:33
Wünsche dir auch einen...
Wünsche dir auch einen schönen Start in den Arbeitsalltag....
5mal5 - 20. Nov, 12:55
Hallo!
Es wäre wirklich schade, nichts mehr von Dir zu lesen,...
momoseven - 20. Nov, 12:31
The End of the Elternzeit
Man sagt zwar it ain't over 'til it's over, aber da...
Jens Clasen - 20. Nov, 11:50

Links

Suche

 

Status

Online seit 6595 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 24. Nov, 21:58

Credits


Elternzeit-Blog
Nach-Elternzeit-Blog
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren