Neue Reportage-Rubrik: Elternzeit live!
Liebe Leser der Vaterzeitschrift, willkommen bei unserer neuen Rubrik
Elternzeit live!
In dieser Reportage-Reihe werde ich in unsteter Regelmäßigkeit aus der harten Realität der Kinderreichen berichten und anhand praktischer Beispiele aufzeigen, mit welch unberechenbaren Widrigkeiten und welch ungeahntem Maß eigener Inkompetenz ungelernte Familienmanager heute zu kämpfen haben. Das Fazit schon mal vorweg:
Es gibt viel zu lernen.
Fangen wir an.
Das Jahr 2026.
Mein 19-jähriger Sohn Henri kommt von seiner Sitzung bei den Anonymen Alkoholikern nach Hause und sagt: „Vater, das ist alles deine Schuld.“ Ich senke den Blick, mache den Rücken noch krummer als er es vor Schuldgefühlen ohnehin schon ist und sage: „Ja, mein Sohn, ich weiß. Hätte ich dich damals besser vor der Droge geschützt, wäre alles anders gelaufen.“ Der verzeihende, aber doch enttäuschte Blick meines Sohnes erhöht meine Strafe ins Unermessliche.
Flash.
Zurück in der Gegenwart.
Die Lage ist prekär, aber nicht hoffnungslos.
Noch kann ich die Schrecken der Zukunft abwenden.
Aber habe ich die Kraft dazu?
Vor mir liegt Henri, 7 Monate alt, in seinem Kinderwagen. Umgeben von leeren Bier- und Weinflaschen. Er bewegt den Arm, sein Ellenbogen stößt eine Pulle gegen eine andere, es klirrt. Das Klirren wird in meinem Kopf zu einem schrillenden Alarm.
Zeit zu handeln.
Es ist erst wenige Momente her, dass...
Der Morgen des 3. Juni 2008. Der heutige Aufgabenkatalog sieht leicht zu bewältigen aus: Kurzer Schlaf- und Shopping-Parcours, halbstündiges Nickerchen für den Sohnemann. (So ist das meistens: Immer sieht es aus wie ein „ganz normaler Tag“. Aber in einer Welt ohne Routine, ohne Normalität kann das alles bedeuten.)
Folgende Posten gilt es die Treppe hinunter und dann per Kinderwagen zu den Stationen Altglas-Container, Pfandautomat im Supermarkt und – alles übrig gebliebene – zum Weiher-Spazier-Rundkurs zu transportieren:
1. 8 leere Bierflaschen (natürlich großenteils alkoholfrei)
2. 2 leere Weinflaschen
3. 3 leere Marmeladengläser
4. 3 leere Plastikflaschen
5. 1 Kleinstkind
6. 1 Wickeltasche
Schon beim Beladen des Sherpas (ich) gerät selbiger an die Grenzen seiner logistischen Leistungsfähigkeit. Ich hänge mir die Wickeltasche um, nehme Henri auf den Arm, vergesse das Handy, lege Henri wieder ab, beuge mich zum Handy hinunter, die Wickeltasche rutscht mir in den Nacken und um den Rücken, schwingt nach vorne und schlägt mir das Handy – und beinahe Henri – aus der Hand. Ich verliere FAST das Gleichgewicht, kann Henri und mich gerade noch fangen und trete auf das Handy.
Physikalisch unmöglich?
Von wegen.
Das war eine Warnung, und ich hätte sie beherzigen müssen.
Stattdessen starte ich einen zweiten Versuch, gehe mit der Wickeltasche auf dem Rücken, Henri auf dem Arm, der Recycling-Tasche in der einen und dem Schlüssel in der anderen in den Hausflur, schließe ab, verstaue den Schlüssel und lege die frei gewordene Hand aufs Geländer.
Seufzer: Sicherheit.
Das Geländer ist stabil und fest.
Es gibt Halt.
Es wird mich die nächsten drei Stockwerke begleiten. Kann es nicht auch bis zum Container bei mir bleiben, bis in den Supermarkt? Das ganze Leben?
Irgendwie klappt es dann auf die Straße, den Riemen der Wickeltasche über den Lenker gehängt, die Flaschen-Tasche in der einen, den Kinderwagen an der anderen Hand. Zum Container ist es nicht wirklich weit, etwa 300 Meter, eine Ampel. Aber schon nach wenigen Schritten merkt der Profi: Das wird so nix. Einhändig lenken saugt. Also stelle ich die Flaschentasche auf den Rand des Kinderwagens, unterstützt vom quer liegenden Gurt der Wickeltasche. Voilà! denkt der Profi, und rennt in sein Verderben.
An der „Wertstoff-Sammelstelle“ angekommen friemele ich erst das Altpapier durch den Schlitz des Containers und freue mich gedankenlos, dass das alles so easy klappt.
Bevor es so richtig easy und total gedankenlos werden kann, wird es fürchterlich.
Beim Ausschütteln der Papiertasche stoße ich leicht gegen den Kinderwagen.
Die Flaschentasche, eine grellgrüne australische Monster-Shopping-Bag mit rechteckigem Boden (ca. 30x40 cm, 45 cm hoch) schwankt bedrohlich hin und her.
Ich greife danach.
Ich bin zu langsam.
(Hundertstel-Sekunden-Stoßgebet: Kipp auf die Straße! Auf die Straße! Weg vom Kinderwagen!)
(Anmerkung des Internationalen Zentrums für Glaubensfragen: Die Flaschentasche ist keine Gottheit, sie erhört also auch keine Gebete.)
In Zeitlupe sehe ich, wie die Tasche mit zehn leeren Glasflaschen geradewegs auf das Glück meines Lebens zukippt.
Das Glück droht unter Glasmassen verschütt zu gehen.
Im Scherbenhagel zu versinken.
Geschätzte 10 Millionen Mal schneller als in Zeitlupe sehe ich meinen Arm vorschießen, so schnell, dass ich gar nicht sicher bin, ob es MEIN Arm ist, und es erst ganz sicher weiß, als er die Tasche schon gepackt und festgehalten hat.
Der Arm war schneller an der Tasche als die Information darüber beim Gehirn.
Eltern sind rein reflexgesteuerte Wesen.
Wir erfahren erst, was wir tun wollen, wenn unser Körper bereits damit fertig ist. (Ausnahme: Schlafen. Das wollen wir immer – und werden nie damit fertig.)
Zurück aufs Reflexschlachtfeld.
Die Gefahr ist nicht gebannt.
Drei Flaschen schaffen es trotzdem aus der großen Taschenöffnung herauszurutschen, eine landet links, zwei rechts neben Henri.
Nur NEBEN. Der zuständigen Gottheit: besten Dank.
Henri kommentiert diese Schrecksekunde treffend mit einem pikierten:
„Agguuu?“
„Jungchen, du weißt gar nicht, wie viel Glück du hast“, will ich gerade Indiana-Jones-mäßig zwischen den Zähnen hervor quetschen.
Da werde ich auf unschöne Weise daran erinnert, dass Flaschen nie ganz leer sind, und dass Flüssigkeiten auch der Schwerkraft gehorchen.
Eine kombinierte Wein-Bier-Limo-Dusche ergießt sich auf Henris Baby-Body (Größe 74, Modell „I love N. Y.“). Binnen Sekunden riecht der Kleine wie ein Kiezschwärmer nach dem zwölften Herrengedeck.
„Agööö?“
Für einen Moment bin ich wie gelähmt.
Fuselgeruch steigt aus dem Kinderwagen meines Sohnes auf.
Mich befällt eine Vision, in der mein 19-jähriger Sohn im Jahr 2026 gerade von seiner Sitzung bei den Anonymen Alkoholikern nach Hause...
Nix da.
Innerhalb von gefühlten 30 Sekunden habe ich:
- das (ansonsten sehr praktische, nun aber vehement störende) Kinderwagen-Sonnensegel (etwa 10 Euro, z. B. bei www.1bis3.de) beiseite gerupft
- die Flaschen und Henri aus dem Wagen geholt
- ihn mit fliegenden Händen aus dem Body gepellt
- ihm ein T-Shirt und eine Hose aus der Wickeltasche angezogen
- das Altglas entsorgt
- den Ort meines Beinahe-Verbrechens fluchtartig verlassen
Puh. Hechel, hechel.
Äh: Keine weiteren Vorkommnisse am Pfandautomaten.
Hat aber auch gereicht.
Elternzeit live!
In dieser Reportage-Reihe werde ich in unsteter Regelmäßigkeit aus der harten Realität der Kinderreichen berichten und anhand praktischer Beispiele aufzeigen, mit welch unberechenbaren Widrigkeiten und welch ungeahntem Maß eigener Inkompetenz ungelernte Familienmanager heute zu kämpfen haben. Das Fazit schon mal vorweg:
Es gibt viel zu lernen.
Fangen wir an.
Das Jahr 2026.
Mein 19-jähriger Sohn Henri kommt von seiner Sitzung bei den Anonymen Alkoholikern nach Hause und sagt: „Vater, das ist alles deine Schuld.“ Ich senke den Blick, mache den Rücken noch krummer als er es vor Schuldgefühlen ohnehin schon ist und sage: „Ja, mein Sohn, ich weiß. Hätte ich dich damals besser vor der Droge geschützt, wäre alles anders gelaufen.“ Der verzeihende, aber doch enttäuschte Blick meines Sohnes erhöht meine Strafe ins Unermessliche.
Flash.
Zurück in der Gegenwart.
Die Lage ist prekär, aber nicht hoffnungslos.
Noch kann ich die Schrecken der Zukunft abwenden.
Aber habe ich die Kraft dazu?
Vor mir liegt Henri, 7 Monate alt, in seinem Kinderwagen. Umgeben von leeren Bier- und Weinflaschen. Er bewegt den Arm, sein Ellenbogen stößt eine Pulle gegen eine andere, es klirrt. Das Klirren wird in meinem Kopf zu einem schrillenden Alarm.
Zeit zu handeln.
Es ist erst wenige Momente her, dass...
Der Morgen des 3. Juni 2008. Der heutige Aufgabenkatalog sieht leicht zu bewältigen aus: Kurzer Schlaf- und Shopping-Parcours, halbstündiges Nickerchen für den Sohnemann. (So ist das meistens: Immer sieht es aus wie ein „ganz normaler Tag“. Aber in einer Welt ohne Routine, ohne Normalität kann das alles bedeuten.)
Folgende Posten gilt es die Treppe hinunter und dann per Kinderwagen zu den Stationen Altglas-Container, Pfandautomat im Supermarkt und – alles übrig gebliebene – zum Weiher-Spazier-Rundkurs zu transportieren:
1. 8 leere Bierflaschen (natürlich großenteils alkoholfrei)
2. 2 leere Weinflaschen
3. 3 leere Marmeladengläser
4. 3 leere Plastikflaschen
5. 1 Kleinstkind
6. 1 Wickeltasche
Schon beim Beladen des Sherpas (ich) gerät selbiger an die Grenzen seiner logistischen Leistungsfähigkeit. Ich hänge mir die Wickeltasche um, nehme Henri auf den Arm, vergesse das Handy, lege Henri wieder ab, beuge mich zum Handy hinunter, die Wickeltasche rutscht mir in den Nacken und um den Rücken, schwingt nach vorne und schlägt mir das Handy – und beinahe Henri – aus der Hand. Ich verliere FAST das Gleichgewicht, kann Henri und mich gerade noch fangen und trete auf das Handy.
Physikalisch unmöglich?
Von wegen.
Das war eine Warnung, und ich hätte sie beherzigen müssen.
Stattdessen starte ich einen zweiten Versuch, gehe mit der Wickeltasche auf dem Rücken, Henri auf dem Arm, der Recycling-Tasche in der einen und dem Schlüssel in der anderen in den Hausflur, schließe ab, verstaue den Schlüssel und lege die frei gewordene Hand aufs Geländer.
Seufzer: Sicherheit.
Das Geländer ist stabil und fest.
Es gibt Halt.
Es wird mich die nächsten drei Stockwerke begleiten. Kann es nicht auch bis zum Container bei mir bleiben, bis in den Supermarkt? Das ganze Leben?
Irgendwie klappt es dann auf die Straße, den Riemen der Wickeltasche über den Lenker gehängt, die Flaschen-Tasche in der einen, den Kinderwagen an der anderen Hand. Zum Container ist es nicht wirklich weit, etwa 300 Meter, eine Ampel. Aber schon nach wenigen Schritten merkt der Profi: Das wird so nix. Einhändig lenken saugt. Also stelle ich die Flaschentasche auf den Rand des Kinderwagens, unterstützt vom quer liegenden Gurt der Wickeltasche. Voilà! denkt der Profi, und rennt in sein Verderben.
An der „Wertstoff-Sammelstelle“ angekommen friemele ich erst das Altpapier durch den Schlitz des Containers und freue mich gedankenlos, dass das alles so easy klappt.
Bevor es so richtig easy und total gedankenlos werden kann, wird es fürchterlich.
Beim Ausschütteln der Papiertasche stoße ich leicht gegen den Kinderwagen.
Die Flaschentasche, eine grellgrüne australische Monster-Shopping-Bag mit rechteckigem Boden (ca. 30x40 cm, 45 cm hoch) schwankt bedrohlich hin und her.
Ich greife danach.
Ich bin zu langsam.
(Hundertstel-Sekunden-Stoßgebet: Kipp auf die Straße! Auf die Straße! Weg vom Kinderwagen!)
(Anmerkung des Internationalen Zentrums für Glaubensfragen: Die Flaschentasche ist keine Gottheit, sie erhört also auch keine Gebete.)
In Zeitlupe sehe ich, wie die Tasche mit zehn leeren Glasflaschen geradewegs auf das Glück meines Lebens zukippt.
Das Glück droht unter Glasmassen verschütt zu gehen.
Im Scherbenhagel zu versinken.
Geschätzte 10 Millionen Mal schneller als in Zeitlupe sehe ich meinen Arm vorschießen, so schnell, dass ich gar nicht sicher bin, ob es MEIN Arm ist, und es erst ganz sicher weiß, als er die Tasche schon gepackt und festgehalten hat.
Der Arm war schneller an der Tasche als die Information darüber beim Gehirn.
Eltern sind rein reflexgesteuerte Wesen.
Wir erfahren erst, was wir tun wollen, wenn unser Körper bereits damit fertig ist. (Ausnahme: Schlafen. Das wollen wir immer – und werden nie damit fertig.)
Zurück aufs Reflexschlachtfeld.
Die Gefahr ist nicht gebannt.
Drei Flaschen schaffen es trotzdem aus der großen Taschenöffnung herauszurutschen, eine landet links, zwei rechts neben Henri.
Nur NEBEN. Der zuständigen Gottheit: besten Dank.
Henri kommentiert diese Schrecksekunde treffend mit einem pikierten:
„Agguuu?“
„Jungchen, du weißt gar nicht, wie viel Glück du hast“, will ich gerade Indiana-Jones-mäßig zwischen den Zähnen hervor quetschen.
Da werde ich auf unschöne Weise daran erinnert, dass Flaschen nie ganz leer sind, und dass Flüssigkeiten auch der Schwerkraft gehorchen.
Eine kombinierte Wein-Bier-Limo-Dusche ergießt sich auf Henris Baby-Body (Größe 74, Modell „I love N. Y.“). Binnen Sekunden riecht der Kleine wie ein Kiezschwärmer nach dem zwölften Herrengedeck.
„Agööö?“
Für einen Moment bin ich wie gelähmt.
Fuselgeruch steigt aus dem Kinderwagen meines Sohnes auf.
Mich befällt eine Vision, in der mein 19-jähriger Sohn im Jahr 2026 gerade von seiner Sitzung bei den Anonymen Alkoholikern nach Hause...
Nix da.
Innerhalb von gefühlten 30 Sekunden habe ich:
- das (ansonsten sehr praktische, nun aber vehement störende) Kinderwagen-Sonnensegel (etwa 10 Euro, z. B. bei www.1bis3.de) beiseite gerupft
- die Flaschen und Henri aus dem Wagen geholt
- ihn mit fliegenden Händen aus dem Body gepellt
- ihm ein T-Shirt und eine Hose aus der Wickeltasche angezogen
- das Altglas entsorgt
- den Ort meines Beinahe-Verbrechens fluchtartig verlassen
Puh. Hechel, hechel.
Äh: Keine weiteren Vorkommnisse am Pfandautomaten.
Hat aber auch gereicht.
Jens Clasen - 3. Jun, 17:05
