13
Jul
2008

Ein paar Tropfen Hoffnung

Schlechtwettertage sind die schlimmsten.
So genannte Julitage, an denen es nicht hell wird vor Wolken und an denen nichts nach draußen lockt, aber alles drinnen hinaus drängt und treibt. Seitdem wir Henris Kinderwagen von Wanne auf Sportsitz umgestellt haben, ist der Regenschutz noch komplizierter. Die babylove-Regenhaube aus dem Drogeriemarkt ist zwar preiswert und passt farblich hervorragend – ist aber zum selbst Schnüren und eher unpraktisch. Dementsprechend größer ist der Unwillen, sich diesem Hamburger Sommergrauen auszusetzen. Mit dem Kleinen im Baby-Carrier und Schirm klappt es so gerade, aber das geht auf die Dauer auch ins Kreuz.
Also drehen wir hier auf dem Spielteppich unsere Runden, Henri genießt den Papa, der sich wechselweise zum Clown, Kitzelmonster oder Affen macht, und der Papa weicht im Kopf all diesen gedanklichen Tiefschlägen aus, die nur bei schlechtem Wetter auftauchen:
- Was machst du hier eigentlich?
- Was bringt ist dieser Windelwechsel-Daddel-Fütter-Fließbandjob eigentlich?
- Wo liegt der Sinn des Ganzen?
- Wie schön war es eigentlich im BÜRO?!
Elternzeit-Blues, oh yeah.
Was hilft: Sich lieber Henris Gedanken machen.

Wie seltsam diese Großen doch sind.
Regen sich über Regen auf, tsts.
Man schaue sie sich an.
Die bauen sich alle eigens eine Regenzelle in ihr Bad, um dort jeden Morgen reinzusteigen und sich nassregnen zu lassen – und das auch noch OHNE REGENJACKE!
Sogar VÖLLIG NACKT!
Dabei SINGEN sie.
Und wenn dann endlich draußen überall Regen ist, nicht nur in einer kleinen Kammer (und dieser Regen, wie sie alle scherzen, im Sommer auch noch WÄRMER ist als sonst), dann finden sie das plötzlich total doof.
Dabei ist das doch super, wenn man dieses runde Stoffklappding aufschnalzen lässt und dann ein Dach zum Rumtragen hat, auf das der Regen so herrlich plipp-ploppend tröpfelt, und man ist draußen im Nassen und trotzdem trocken.
Wobei: Was spricht gegen nass werden?
Ich würde nur zu gerne jeden Morgen mit Papa in die Regenkammer steigen. Vielleicht nimmt er mich ja mal mit?


Genau, das mache ich.
Ab jetzt gehe ich mit Henri bei Regen raus.
Aber jetzt erstmal mit ihm in die Dusche.
Ohne Schirm.

8
Jul
2008

Animalisches Vergnügen

Geht ein Vater mit seinem 8 Monate alten Sohn in den Zoo.
Um ihm die Elefanten zu zeigen.
Denkt: Große Tiere, großes Staunen, große Kinderaugen = Toller Papa.
M-hm. Denkste.
Jeder U-Bahn-Sitz auf der Hinfahrt hat mehr Applaus bekommen.
Im Zoo dann: Nix.
Klein-Henri (8 kg) hängt mit seinem Safari-Hut im Ergo-Baby-Carrier vor dem Bauch seines Vaters (80 kg), schaut einem Elefanten (6.000 kg) ins berüsselte Gesicht und zeigt die Gelassenheit eines alten Großwildjägers. Kurzes Aufblicken, Blinzeln, Gähnen – tschüs. Die Elefantenherde ist nicht annähernd so interessant wie die US-Kleinfamilie, die sich gerade von einem Hamburger Rentner davor fotografieren lässt.
Sind die Tiere so groß, dass er sie nicht sieht? So ähnlich wie den Wald vor Bäumen nicht finden? Oder passen sie einfach nicht in sein Babywelt-Raster? Alles was größer ist als Papa und sich bewegt, muss Papas Auto sein, und Papas Auto stinkt?
Oder will er mich provozieren?
Kannste haben, Kleiner.
Und-ab-dafür.
Wie findest du – Pelikane?
Hm, och, na ja. Federn und Schnäbel halt.
Giraffen?
Uiuiui, da will man ja keine Halsschmerzen haben. Dideldum. Oh, so eine hübsche Plastiktüte.
Kamele!
(Gähn.)
Haie, Rochen, Farbenfische in einem Zig-Tausend-Liter-Aquarium!
Eh, jaja. Hey, das Kind da hat eine tolle Mütze auf.
Gut, okay. Ich gebe auf.
Gehen wir nach Hause.
Auf dem Weg an den Gehegen vorbei zum Ausgang dann plötzlich: Kieksen, Quieken, Jodeln, Tröten.
La Ola im Baby-Carrier.
Der Funkelstern des Tieruniversums ist gefunden, die Begeisterung schlägt hohe Wellen, wir stehen vor der fantastischsten Fauna-Sensation von Hagenbecks Tierpark.
Glückliches Augenleuchten, heftiges Armwackeln, große Freude.
Ich lasse resigniert die Schultern sinken und richte mich seitlich in Richtung des Geheges aus, so dass mein Sohn das Rudel Meerschweinchen, das da vor Miniaturhütten herumturnt und sich um Mohrrüben keilt, besser sehen kann.
Die Formel muss also lauten:
Toller Papa = Kleine Tiere, großes Staunen, große Kinderaugen.

3
Jul
2008

Finale(-)Nachlese

Nochmals abschließend zur Frage: Wie bringt man die Phänomene Kleinstkind und EURO2008 unter einen Hut?
Oder anders gefragt: Wie kann einer die ganze EM mit der deutschen Mannschaft fiebern – und dann am Abend des verlorenen Finales richtig gute Laune haben?
Nun, sehr einfach.
Alles begann mit einer Erkältung.
(Viel wurde an dieser Stelle über die Vorzüge des Babyschwimmens geschwärmt – das ist eindeutig ein großer Nachteil: die ständigen Erkältungen. Unsere Bilanz: drei Mal Schwimmen, drei Mal krankes Kind. Auch das spricht für mehr Fußball.)
Aus Henris Schnupfennase entwickelte sich von Freitag auf Samstag binnen kürzester Zeit eine Bronchitis. Insgesamt waren wir am Samstag und Sonntag mit unserem bellenden, schlappen kleinen Mann drei Mal in der Kindernotaufnahme der Uni-Klinik.
Beim ersten Mal am Samstagabend hieß es: ach was, keine Bronchitis. Pseudo-Krupp. Hier: Hustensaft. Drei Mal täglich, Wiedersehn.
Am nächsten Morgen: Kein Husten, aber Henri hechelt wie ein Pudel kurz vorm Hitzschlag. Typische Symptome verengter Bronchien, denken wir Laien.
Jaja, sagt die nächste Ärztin beim nächsten Besuch in der Kinderklinik, leichte obstruktive Bronchitis, können Sie mit Inhalation behandeln.
Inhalationsapparat gemietet, ans Kind angeschlossen, Kind hechelt weiter und wird immer blasser.
Am Sonntagnachmittag dann die dritte und antizipiert letzte Fahrt ins Krankenhaus: Wir hätten uns zur Not an die Heizung gekettet, damit sie uns da behalten. Aber die dritte Ärztin zeigte sich sofort verständig und in adäquater Weise alarmiert. Die Einweisung auf Kinderstation 2 erfolgte innerhalb von Minuten. (Wäre sie durch ein früheres, beherzteres Eingreifen zu verhindern gewesen? Hm.)
Auf der Kinderstation wurden wir sehr herzlich empfangen – leider in einem Zimmer, das für die darin enthaltenen Möbel und uns drei Menschen etwas zu klein war. Wir hätten uns gerne mit den Möbeln abgewechselt, aber die waren fest montiert. Also zwängten wir uns hinein, legten unseren müden, schlaffen Japsmann ins hübsche orangefarbene Gitterbett, inhalierten mit ihm, gaben ihm ein Zäpfchen (jaja, macht man alles selbst), bewachten bangend seinen Schlaf.
Während ganz Deutschland dem Finale gegen Spanien entgegenfieberte, litten wir mit unserem Sohn, der ein Fieber ganz anderer Art durchzustehen hatte (38, 6° am Nachmittag). Während alle Welt mit schwarzrotgoldenen oder nur rotgoldenen Hüten, Hemden und Flaggen an die Public-Viewing-Stätten pilgerte, hatten wir zwischenzeitlich völlig vergessen, dass es so etwas wie ein EM-Finale überhaupt geben würde.
(Naja, okay, ich gebe zu, so ganz VERGESSEN habe ich es nicht, ist aber auch schwer, wenn sogar die Krankenschwester sich kleine Deutschland-Fahnen ins Gesicht malen und sich auf dem Gelände der Uni-Klinik Medizin-Studenten vor der eigens aufgebauten Riesenglotze warmsingen.)
Gegen Abend erwachte Henri dann aus tiefem, erholsamem Schlaf. Er muss erholsam gewesen sein, denn plötzlich war er wieder der Alte: quirlig, kugelnd, spaßend, lachend. Die Atmung war immer noch etwas hektisch, aber es bestand kein Zweifel: Er war auf dem Weg der Besserung. Seine Gegner, die Viren, waren auf dem Rückzug, ihre Attacken wurden von der Henri-eigenen Abwehr in Zaum gehalten.
Später schlief er dann weiter und wir stellten den Krankenzimmerfernseher ein, ohne Ton, und sahen stumm, mit einem Blick aus weiter Ferne, noch weiter als Wien wirklich weg ist, unsere Mannschaft untergehen. Auch da beobachteten wir einige hechelnde, müde Männer, die ihr Letztes gaben, um die immer wieder anstürmenden Gegner in Schach zu halten. Aber das deutsche Immunsystem war zu schwach, die spanische Grippe zu gut trainiert und spielerisch einfach um Klassen besser.
Als ich gegen elf aus dem Krankenhaus nach Hause aufbrach, hatte Deutschland das EM-Finale verloren – und ich war richtig gut gelaunt.
Ich kaufte mir an der Bushaltestelle Schulweg in einer Dönerbude ein Bier und trank es auf dem Weg die Osterstraße hinauf – auf unseren Sieg.
Das Ergebnis in meinem Spiel des Tages lautete: Henri-Viren 1:0!

P. S.: Gestern (Mittwoch) wurden wir dann endlich aus der Klinik entlassen. Henris Lunge arbeitet wieder vorschriftsgemäß. Babyschwimmen fällt jetzt erstmal eine Weile aus.

27
Jun
2008

Wassermarsch

Schonmal den Spruch gehört, dass Kinder einen dazu bringen, die Welt neu zu entdecken? Sie mit ihren Augen zu sehen, Augen, die sich noch an absolut gar nichts gewöhnen konnten?
Etwas abgestanden, der Spruch, ja.
Aber er stimmt.
Beispiel: Babyschwimmen.
Ist ja ohnehin schon süß, wie dieser kleine Kerl, zur Hälfte Kopf, zur Hälfte Körper, da zappelnd, plantschend, strampelnd auf etwas zittrigen Vaterhänden durchs Wasser jauchzt.
Aber das wirklich Irre ist dieser frühkindliche Blick aufs Wasser.
Diese Faszination, wie ich etwas sehen kann, wie es glitzert und sich verformt – aber es trotz vieler Platschehandversuche nicht greifen kann.
Wie ich in dieses Etwas eintauchen und fühlen kann, dass es anders ist, als das Etwas, aus dem ich komme, also die Luft, wie es dadurch wärmer wird um mich herum und auch irgendwie dichter, wie meine Bewegungen auf einmal viel schwerfälliger werden – und ich mich trotzdem plötzlich ganz leicht fühle.
Wie ich dieses Etwas in den Mund nehmen und auch schlucken, ja: mich sogar daran VERschlucken und dann ganz prima in das Etwas hinein kotzen kann.
Wie auch andere große Menschen durch dieses Wasser gleiten und sich leicht fühlen und ganz prima von mir nass spritzen lassen.
Jaja, Badefreuden.

Für mich war allerdings das Faszinierendste, dass ich mir 20 Mal das Gegenteil einreden kann – und dann doch vergesse, die Geldbörse aus den Badeshorts zu nehmen, bevor ich damit ins Wasser gehe. Die hatte ich wohlweislich bereits zuhause angezogen (war ja sommerlich warm, nicht wahr), um im Schwimmbad Zeit zu sparen. Diese Zeit konnte ich dann dazu nutzen, mit Henri auf dem Arm fluchtartig das herrlich warme Wasser zu verlassen, die Treppe hinab in die Umkleide zu stürmen, um – einhändig, of course! – Fahrkarte, Quittungen und Geldscheine durch heftiges Handtuchtupfen einigermaßen zu retten.
Henri betrachtete diesen hektischen Tanz mit gerunzelter Stirn.
Ich bin mir sicher, er hatte auch darauf einen ganz eigenen, faszinierten Blick.

23
Jun
2008

Die Paten

Ab und zu sehe ich einen beim Einkaufen.
Meistens sind die aber dann ganz schnell wieder weg, mit dem Kinderwagen um die Ecke gehuscht und verschwunden.
Darum meine Frage:
Wo sind die Papas?
Wo sind sie, die 10 Prozent Männer in Elternzeit?
Die angeblich sogar bis zu 20 Prozent in größeren Städten, die sich für 3, 4, 5, 6 oder mehr Monate nur dem eigenen Nachwuchs widmen?
Ich finde sie nicht.
Auf den Spielplätzen nicht, in keiner Babyabteilung, nirgendwo.
Sind die im Untergrund?
Gibt es so eine Art geheime Papa-Vereinigung, eine Brei-Sauger-Loge, zu der ich noch keinen Zutritt habe – oder nie bekomme?
Was müsste ich tun, um diesem Verein beitreten zu können? Einem Baby ansatzlos aus der Hüfte die Flasche geben, die es dann ohne absetzen in 5 Minuten austrinkt?
Mit verbundenen Augen eine volle Windel entfernen, das Kind waschen und neu pampern, das alles in 60 Sekunden?
30 Sorten Babybrei blind erkennen, nur am Knackgeräusch beim Öffnen des Glases?
Also, bisher bin ich jedenfalls noch nicht angeworben worden, es saß noch keine vermummte Gestalt nachts auf der Bettkante, die mir stumm eine Wachsmalstift-Notiz hingehalten hätte: „Wickelraum am Bahnhof, um Mitternacht. Wir erwarten dich.“
Vielleicht ist es aber auch ganz gut, dass die sich nicht so aufdrängen.
Denn wer weiß schon wie es wird, wenn Väter, die mit dem Rumvaddern ernst machen, zum ersten Mal aufeinander treffen.
Sammeln sie sich tagsüber patengleich mit finsteren Mienen und Grande Caffe Lattes um Sandkästen?
Nennen sich Alete-Al oder Don Wickelone?
Berichten sich gegenseitig, was sie für eine harte Nacht hatten? („Kein Auge zugekriegt.“ „Nur geschrieen, die Lütte.“ „Die ganze Nacht gesoffen, der kleine Kerl.“)
Fachsimpeln über Säuglingsernährung („Beikost fördert die Sprachentwicklung, ich sag’s dir, Digger.“), Windelfüllungen („Drei Pfund, ungelogen, und der Bursche ist erst neun Monate!“) und Entwicklungsstadien der Kleinen („Meine kann schon ‚Ba-ba-ba’, aber „Da-da-da’ kriegt sie noch nicht hin.“)?
Beäugen missgünstig die tiefer gelegten Kinderwagen der anderen?
Schrauben vielleicht an den Wagen rum, legen sich vielleicht gar tunend drunter?
Fragen sich gegenseitig: „Und du? Wie lang?“ als ginge es um die Dauer ihres Knastaufenthalts, dabei meinen sie nur, wie viele Monate die Elternzeit des anderen dauert. Unweigerlich fällt einem ein, wie Gangster sich damit rühmen, wie viele Jahre Gefängnis sie gemeinsam auf dem Kerbholz haben. Im gleichen Tonfall erzählt dann der stolze Vater zuhause seiner Frau: „Da saßen dann 24 Monate beisammen, ich sag’s dir.“
Und verschweigt, wo sie saßen – nämlich um den Sandkasten herum.
Apropos: Ich glaube nicht, dass ich kaum andere Väter sehe, weil die Papas sich schämen oder nicht in ihrer Rolle zurechtfinden, im Gegenteil. Das Selbstvertrauen wächst.
Es mangelt wahrscheinlich eher an geeigneten Treffpunkten.
Warum gibt es nicht auch mal ein auf Papas eingerichtetes Szene-Lokal, also eine Baby-Lounge speziell für Väter? Nicht mit rosa Tischdeckchen und weißen Kaffeehausstühlchen, sondern mit Eames-Sesseln und Comicsammlung?
Mit Rolf-Zuckowski-Jukebox und Gummipfropfen-Dart?
Mit alkoholfreiem Bier vom Fass und besagten 30 Breisorten auf der Karte?
Oder gar frisch hausgemachtem Tagesbrei?
Wäre natürlich auch nett, wenn das Personal speziell darauf eingestellt und geschult wäre, ab und zu einen Blick auf die schlafenden Kleinen zu werfen, während die Daddys sich an den Kickertischen messen.
Die Suche geht weiter.

17
Jun
2008

Die Phantomkinder

Es gibt sie wirklich.
Phantomkinder.
Sie sind unsichtbar.
Aber sie sind da.
Sie wollen Beweise?
Bitte.
Folgende Situation: Vater, Mutter, Kind unterwegs im Bus. Kind hat keinen Bock mehr auf Kinderwagen, sitzt darum "daabrrr-dada" babbelnd bei Mutter auf dem Schoß. Vater muss noch etwas erledigen und steigt darum eine Haltestelle früher aus – mit dem Kinderwagen. Denn gleichzeitig Kind tragen und Wagen schieben ist doof für die Mutter. Vater rumpelt also mit der Karre aus dem Bus, winkt Mutter und Kind zum Abschied und schiebt los.
Im Kinderwagen: nur die Wickeltasche und Spielzeug.
Vater kommt an eine Ampel.
Die Ampel ist rot.
Der Vater wartet, wie ein Vater mit Kinderwagen so wartet.
Er schunkelt den Wagen sanft vor und zurück.
Kind soll ja nicht aufwachen.
Vor dem Drogeriemarktregal das Gleiche: Vater wühlt mit der einen Hand durch die Ware. Die andere wiegt das Phantomkind in einen tiefen, unsichtbaren Schlaf.
Soviel zur Frage, inwieweit Elternsein auch Ungeübten bald in Fleisch und Blut übergeht. ;-)

13
Jun
2008

SCREAM, Teile I bis VII

Gibt ja auch schlechtere Tage.
Grisselig graue Tage, an denen der Hamburger Frühsommer wieder in der Nebelwolkensuppe versinkt, die ihn so berühmt gemacht hat.
Grummelig greinende Tage, an denen alle Nachrichten schlecht, alle Getränke und Speisen zu heiß oder zu kalt und alle Menschen dumm, hässlich und politisch fehlgeleitet sind.
Totale Dreckstage, an denen Henri keine 10 Minuten am Stück mit irgendwas zufrieden ist.
Und das lässt er Vaterunsern dann auch wissen.
Keine Ahnung, ob er letztlich einfach nur das beschissene Wetter kommentiert.
Ob er seine Eltern mal einer eingängigen Manöverkritik unterzieht („Mehr Milch! Weniger Schlaf! Mehr Kindermusikschallplatten!“)
Oder ob er nicht begreift, wie im EM-Spiel gegen Kroatien in beiden Halbzeiten jeweils ein deutscher Abwehrflügel so offen war, dass man nur das Schild vermisste: „SCHLUSSVERKAUF BEIM DFB! Torschützen und Vorbereiter bitte hier entlang. Heute darf jeder mal. ALLES MUSS REIN!“
Ob ihm einfach der Kommentar von Béla Rethy so zugesetzt hat?
Jedenfalls ist an manchen Tagen einfach „Alles kacke, euer Henri.“

Wichtig ist, im Negativen das Gute zu suchen. Das richtet auf.
Und so ist mir dann aufgefallen, dass die Geräusche, die wir gemeinhin als „Gequengel“ abtun, einem fein abgestuften System akzentuierter Klagelaute entspringen, einer Riege ineinander greifender steigerbarer Moppertöne, deren oberster Gipfel erst das allgemein bekannte Geschrei ist. Ich habe mir erlaubt, davon ein kleines Köcherverzeichnis zu erstellen. Bevor es losgeht noch ein kleiner Hinweis: Was hier als stufenweise Steigerung beschrieben ist, kann auch abrupt passieren, jede Stufe ist überspringbar bzw. spontan abrufbar, wie ein zuschaltbarer Allradantrieb. Oder haben Sie wirklich gedacht, ich sitze hier neben meinem quengelnden Kind und schreibe mit? Hier also das Destillat meiner Beobachtungen:

1. Leises Wingsen. Es ähnelt dem leisen Fiepen eines Hundes, der vor fünf Minuten von seinem Besitzer vor dem Supermarkt angeleint wurde. (Was wir mit Henri natürlich NICHT gemacht haben.) Die Wimmerlaute können immer noch Teil eines Stimmbandtests oder einer verbalen Spielerei sein, die jederzeit wieder in fröhliches Gebrabbel münden können. Können sich aber auch steigern in:
2. Lautes Wingsen. Um im Bild zu bleiben: Der Hund ist jetzt eine halbe Stunde vor dem Supermarkt angebunden, und es hat zu regnen begonnen. (Auch hier keinerlei Handlungsparallelen, nur die LAUTE sind sich ähnlich.) Henri kann sich allerdings schon nach wenigen Sekunden auf diese Lautstärke steigern. (Muss der Rasselring nur weit genug weggeflogen sein.) Dabei saugt er oft die Unterlippe ein und kneift die Augen zusammen, was ihm zusätzlich ein genervtes Aussehen gibt. Spätester Zeitpunkt, den kleinen Kritiker mit einem schlichten Auf-den-Arm-Nehmen zu besänftigen. Sonst folgt (Tusch):
4. Sanftes Knöttern. Auch "öffzen" genannt. Der Wimmerlaut wird zum Greinen, allerdings rhtythmisch von seufzendem Einatmen unterbrochen. Das klassische Kinderjammern eben: Ehö-öffz-ehö-öffz-ehöö. Jetzt sofort mit neuem, interessantem Spielzeug eingreifen, es droht:
5. Massives Knöttern. Der Audiophile würde sagen: „More definition, more volume, more sound.“ Der Rhythmus wird zunehmend hektisch, es mischt sich Feuchtigkeit in die Klänge. Tränenproduktion setzt ein. Wer jetzt noch nicht reagiert hat, ist ein Rabenelternteil. Oder er hat ein Kind mit extrem rapiden Launenabfall. Jetzt kommt beinahe unausweichlich:
6. Die Wein- und Grein-Attacke. Sie erinnern sich, wie die Peanuts von Charles M. Schulz geweint haben? Augen zu, Mund kopfgroß aufgerissen, Tränen fliegen in hohen Mehrfachbögen wie bei einem Rokoko-Springbrunnen? Sie sind im Bilde.
7. Der GAU (Größter Anzunehmender Unglückszustand) Das Kind spielt jetzt seine ganze Lautstärke und Gesichtsröte aus. Hervorquellende Tränen verdampfen sofort auf der heißen Oberfläche dieses roten Schreiplaneten. Soweit kommt es in Henris Alter zum Glück nur sehr selten. Aber wer je einen Dreijährigen erlebt hat, der bei Toys’R’Us nicht das Spielzeug behalten darf, das er gerade eigenständig aus dem Regal gezerrt hat, weiß, worum es hier geht.

Tjaja, manche Tage.
Oft habe ich aber auch das Gefühl, ich sitze schon den ganzen Tag in einem Meer des Jammers, dann schaue ich auf die Uhr, und es ist nur eine Stunde vergangen. Dann klart der Himmel auf, Henri findet plötzlich den großen Kunststofflöffel aus der Küche interessanter und erfreulicher als alles andere auf der Welt, plötzlich ist die ganze Welt eine einzige Kindermusikschallplatte, und ich denke: Was war gerade? Geplärr? Pffft, easy.
Gehört dazu, Alder.
Momente wie jetzt zum Beispiel.

...und gegen Österreich reicht uns 1 Punkt.

9
Jun
2008

Lauf, Papa, lauf!

Die Vaterzeitschrift bietet jetzt auch Nutzwert für Sportler.
Genauer: Für Läufer mit Kind.
Mein heutiger erster Auslauf mit Henri im Wagen ließ mich die folgenden 10 Tipps entwickeln (Rückschlüsse auf unseren heutigen Ausflug sind durchaus erlaubt, wenn auch nicht in jedem Falle zutreffend):

1. Einen bequem einhändig lenkbaren Kinderwagen wählen. Schnelles Abbiegen an Straßenecken artet sonst zum Kraftakt aus – oder führt zum Kentern. (Tipp: große Reifen, möglichst einer vorn, zwei hinten.)
2. Möglichst eine Strecke ohne viele Ampeln aussuchen. Wer bremst, provoziert – und zwar Babys Geschrei. Am besten laufen Sie von zuhause zum nächsten Park oder Sportplatz, wo Sie ungestört und ungebremst Ihre Runden drehen können. Wirklich NAH gelegene Naherholungsgebiete sind natürlich Gold wert.
3. Zu Beginn nur sanft traben, deutlich unter dem normalen Lauftempo bleiben. Die höhere Geschwindigkeit, die andere Geräuschkulisse und vor allem das laufschrittbedingte Auf- und Abhopsen von Papas Kopf machen das Kind nervös. NERVÖS!
4. Den MP3-Player erst in Betrieb nehmen, wenn a) Sie den Straßenverkehr verlassen haben, und b) Baby schläft. (Und Baby möglichst NICHT die Kopfhörerkabel greifen lassen. Baby findet die nämlich lecker – und am Ende beschallen Sie nur Babys Gaumen.)
5. Natürlich gilt auch hier die oberste Vaterzeitregel: Nicht zu weit vom heimatlichen Kühlschrank bzw. Milchflaschenwärmer entfernen.
6. Andere, langsamere Läufer weiträumiger überholen als zu Zeiten ohne Kinderwagen. Sonst drohen Auffahrunfälle.
7. Nicht traurig sein, wenn sich keine langsameren Läufer finden. Immerhin schieben Sie ein ganzes Leben vor sich her.
8. Bei der Streckenkalkulation dran denken: Baby wird vielleicht vor der erwarteten Zeit aufwachen. Baby wird das, was Sie da tun, möglicherweise ganz und gar nicht gutheißen. Baby wird Sie daran hindern, das weiter zu tun und auf dem schnellsten Weg nach Hause BITTEN. Rechnen Sie diesen schnellsten Weg gleich mit ein.
9. Nicht zu viel wollen. Die übliche Stunde werden Sie nicht joggen können. Keine Chance. Seien Sie froh über 30 Minuten, vielleicht 45. Und nicht zu laut damit prahlen, denn laufende Väter wissen: Laufzeit ist hier nie gleich gelaufene Zeit. Mal fliegt ein Spielzeug aus dem Wagen, mal wacht der Passagier auf und will dutzi-dutzi, mal gerät der laufende Vater mit einer Bordsteinkante in Konflikt und wird zum stolpernden Vater, woraufhin der Kinderwagen seinen paddelnden Händen entgleitet und nur noch über das Kabel des – glücklicherweise – am Kinderwagengriff befestigten MP3-Players mit dem mittlerweile sich-so-gerade-eben-auf-den-Beinen-haltenden Vater verbunden ist.
10. Übertreiben Sie es nicht mit dem Equipment. Vernünftige Laufschuhe – okay. Ein atmungsaktives Shirt – auch gut. Nicht mehr. Gehen Sie nicht aus dem Haus, als würden Sie von namhaften Sportartikelherstellern gesponsert und bis hin zur verspiegelten Läuferbrille komplett ausgerüstet. Die Leute werden eh schon denken, dass Sie bekloppt sind. Joggen mit Kinderwagen, was sind das bloß für Bewegungssüchtige. Und irgendwie haben sie ja Recht. Manche – vor allem andere, SCHNELLERE Läufer – werden sogar genervt sein von diesem ausladenden Roll-Mitbringsel auf IHRER Rennstrecke. Müssen Sie ja nicht auch noch bunt leuchtend vor sich hin stylen wie ein Marathon-Männchen.

Wenn Sie nicht weiter auffallen, passiert es Ihnen vielleicht auch nicht, dass jemand über Sie sagt: „Ganz schön sportlich für jemanden mit Gehhilfe.“
Der Vater mi’m Rollator.
Soweit so gut.
Mal sehen wie es beim nächsten Mal läuft.
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