13
Jun
2008

SCREAM, Teile I bis VII

Gibt ja auch schlechtere Tage.
Grisselig graue Tage, an denen der Hamburger Frühsommer wieder in der Nebelwolkensuppe versinkt, die ihn so berühmt gemacht hat.
Grummelig greinende Tage, an denen alle Nachrichten schlecht, alle Getränke und Speisen zu heiß oder zu kalt und alle Menschen dumm, hässlich und politisch fehlgeleitet sind.
Totale Dreckstage, an denen Henri keine 10 Minuten am Stück mit irgendwas zufrieden ist.
Und das lässt er Vaterunsern dann auch wissen.
Keine Ahnung, ob er letztlich einfach nur das beschissene Wetter kommentiert.
Ob er seine Eltern mal einer eingängigen Manöverkritik unterzieht („Mehr Milch! Weniger Schlaf! Mehr Kindermusikschallplatten!“)
Oder ob er nicht begreift, wie im EM-Spiel gegen Kroatien in beiden Halbzeiten jeweils ein deutscher Abwehrflügel so offen war, dass man nur das Schild vermisste: „SCHLUSSVERKAUF BEIM DFB! Torschützen und Vorbereiter bitte hier entlang. Heute darf jeder mal. ALLES MUSS REIN!“
Ob ihm einfach der Kommentar von Béla Rethy so zugesetzt hat?
Jedenfalls ist an manchen Tagen einfach „Alles kacke, euer Henri.“

Wichtig ist, im Negativen das Gute zu suchen. Das richtet auf.
Und so ist mir dann aufgefallen, dass die Geräusche, die wir gemeinhin als „Gequengel“ abtun, einem fein abgestuften System akzentuierter Klagelaute entspringen, einer Riege ineinander greifender steigerbarer Moppertöne, deren oberster Gipfel erst das allgemein bekannte Geschrei ist. Ich habe mir erlaubt, davon ein kleines Köcherverzeichnis zu erstellen. Bevor es losgeht noch ein kleiner Hinweis: Was hier als stufenweise Steigerung beschrieben ist, kann auch abrupt passieren, jede Stufe ist überspringbar bzw. spontan abrufbar, wie ein zuschaltbarer Allradantrieb. Oder haben Sie wirklich gedacht, ich sitze hier neben meinem quengelnden Kind und schreibe mit? Hier also das Destillat meiner Beobachtungen:

1. Leises Wingsen. Es ähnelt dem leisen Fiepen eines Hundes, der vor fünf Minuten von seinem Besitzer vor dem Supermarkt angeleint wurde. (Was wir mit Henri natürlich NICHT gemacht haben.) Die Wimmerlaute können immer noch Teil eines Stimmbandtests oder einer verbalen Spielerei sein, die jederzeit wieder in fröhliches Gebrabbel münden können. Können sich aber auch steigern in:
2. Lautes Wingsen. Um im Bild zu bleiben: Der Hund ist jetzt eine halbe Stunde vor dem Supermarkt angebunden, und es hat zu regnen begonnen. (Auch hier keinerlei Handlungsparallelen, nur die LAUTE sind sich ähnlich.) Henri kann sich allerdings schon nach wenigen Sekunden auf diese Lautstärke steigern. (Muss der Rasselring nur weit genug weggeflogen sein.) Dabei saugt er oft die Unterlippe ein und kneift die Augen zusammen, was ihm zusätzlich ein genervtes Aussehen gibt. Spätester Zeitpunkt, den kleinen Kritiker mit einem schlichten Auf-den-Arm-Nehmen zu besänftigen. Sonst folgt (Tusch):
4. Sanftes Knöttern. Auch "öffzen" genannt. Der Wimmerlaut wird zum Greinen, allerdings rhtythmisch von seufzendem Einatmen unterbrochen. Das klassische Kinderjammern eben: Ehö-öffz-ehö-öffz-ehöö. Jetzt sofort mit neuem, interessantem Spielzeug eingreifen, es droht:
5. Massives Knöttern. Der Audiophile würde sagen: „More definition, more volume, more sound.“ Der Rhythmus wird zunehmend hektisch, es mischt sich Feuchtigkeit in die Klänge. Tränenproduktion setzt ein. Wer jetzt noch nicht reagiert hat, ist ein Rabenelternteil. Oder er hat ein Kind mit extrem rapiden Launenabfall. Jetzt kommt beinahe unausweichlich:
6. Die Wein- und Grein-Attacke. Sie erinnern sich, wie die Peanuts von Charles M. Schulz geweint haben? Augen zu, Mund kopfgroß aufgerissen, Tränen fliegen in hohen Mehrfachbögen wie bei einem Rokoko-Springbrunnen? Sie sind im Bilde.
7. Der GAU (Größter Anzunehmender Unglückszustand) Das Kind spielt jetzt seine ganze Lautstärke und Gesichtsröte aus. Hervorquellende Tränen verdampfen sofort auf der heißen Oberfläche dieses roten Schreiplaneten. Soweit kommt es in Henris Alter zum Glück nur sehr selten. Aber wer je einen Dreijährigen erlebt hat, der bei Toys’R’Us nicht das Spielzeug behalten darf, das er gerade eigenständig aus dem Regal gezerrt hat, weiß, worum es hier geht.

Tjaja, manche Tage.
Oft habe ich aber auch das Gefühl, ich sitze schon den ganzen Tag in einem Meer des Jammers, dann schaue ich auf die Uhr, und es ist nur eine Stunde vergangen. Dann klart der Himmel auf, Henri findet plötzlich den großen Kunststofflöffel aus der Küche interessanter und erfreulicher als alles andere auf der Welt, plötzlich ist die ganze Welt eine einzige Kindermusikschallplatte, und ich denke: Was war gerade? Geplärr? Pffft, easy.
Gehört dazu, Alder.
Momente wie jetzt zum Beispiel.

...und gegen Österreich reicht uns 1 Punkt.
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