8
Aug
2008

Der Plan des Tages

So mancher fragt sich vielleicht: Wie sieht er eigentlich aus – der väterliche Alltag in der Elternzeit? Ich schreibe das hier gerade mal auf. (Das „zirka“ vertuscht Schwankungen von bis zu 2 Stunden – außer beim Wecken, da simmer immer recht pünktlich...)

Ca. 5.30 Wecken Henri kniet – Hände an der Reling, Blick in die Ferne – in seinem Bett und beginnt ansatzlos das morgendliche Unterhaltungsprogramm: „Uuuaaahuuh! Öööööh. Babubadaa. Iiiiffze, umbeldörtz...“ And so on. Die Eltern sind nicht wach, aber sie stehen auf. Hobby-Zombies eben.
Ca. 6.00 Morgenwindel, Waschen, Anziehen Dabei Fortsetzung des Morgenradios. Jedes Mal wieder Proteste beim Anziehen des Bodys. Alles, was über den Kopf gezogen wird, ist Kindsfolter und ein Fall für Amnesty Childcare.
Ca. 6.30 Morgenkaffee Die Eltern – oder was von ihnen übrig ist – schlurfen mattblass in die Küche und schaffen es so gerade, nicht über ihre immensen Augenringe zu stolpern. Der Griff nach dem koffeinhaltigen Lebenselixier erfolgt bei allem Getattere präzise und gezielt. Bei Einsetzen der Wirkung erstes Gefühl in den Beinen und im Kopf. Derweil hat Henri das Küchenzirkeltraining – Schublade unter dem Herd auf- und zurappeln, Spielzeugeimer umkippen und den Inhalt auf dem Boden verteilen, Elternbeine anbeißen, Schranktür zuknallen – bereits zweimal durchlaufen.
Ca. 7.00 1. Fütterung Das Stillen durch die Mutter wird durch heftigeres Fußbeißen eingefordert.
Ca 7.30 Beginn der 1. Spielphase Mit Glück haben es die Eltern zwischendurch geschafft, irgend etwas Essbares einzuwerfen. Ansonsten: Pech. Interessante Spielzeuge: Alles, was die Großen benutzen (Fön, Zahnbürste, Haarbürste, Kleiderbürste). Uninteressante Spielzeuge: Alles, was die Großen eigens für den Kleinen gekauft haben. Wenigstens findet der Papa die Bauklötze toll.
Ca. 8.00 Abgang Mama So schwer der Abschied, so befreiend der Radweg ins Büro. Parallel konsequente Fortsetzung der Spielphase ohne Rücksicht auf Verluste. Mindestens drei Mal Kopf anstoßen sind Pflicht.
Ca. 9.00 Einläuten der 1. Schlafphase Häufiges Augenreiben, immer kürzere Konzentrationsphase, dementsprechend häufigeres Nölen bis Jammern – die Zeichen sind deutlich: Kind will schlafen. Papa bringt Kind ins Bett und legt sich dankbar daneben – zum Beispiel jetzt, um sein Blog in den Laptop zu hacken. (Aber ganz ehrlich: Daneben legen ist DER Tipp schlechthin. Die Kleinen schlafen dann länger – und Sie bekommen auch noch etwas Ruhe!)
Ca. 10.00 Aufwachen Freudige Begrüßung der Volksmasse durch den ausgeruhten Premier, würdevolles Winken in alle Himmelsrichtungen. Erörterungen zur Lage der Nation.
Ca. 10.30 2. Fütterung Alles was Sie bisher über die Gewöhnung von Kindern und fester Nahrung aneinander gehört haben STIMMT. Brei an den Händen, Brei im Haar, Brei im Gesicht, Brei an der Kleidung, Brei auf dem Boden, Brei auf dem Tisch. Und alle singen: „Brei-Brei Love. Brei-Brei Happiness.“ Manchmal frage ich mich, ob es an dieser breiten Streuung liegt, dass Henri mittlerweile ein ganzes Glas Babynahrung in einem Rutsch verzehrt bzw. vernichtet... Nach der Renovierung der Küche (wir überlegen, sie demnächst komplett orange zu streichen, Karotte isst er am liebsten) beginnt um
Ca. 11.00 Spielphase No. 2 (wie gehabt, siehe oben)
oder Ausritt No. 1 Henri bei Papa in den Baby-Carrier, Henri und Papa raus, im Supermarkt Regale ausräumen, ins Spielwarengeschäft, Teddys anbrüllen, auf den Markt. Gemüse ansabbern.
Ca. 12.30 Mittagswindel und 3. Fütterung Milch aus der Flasche ist eben immer ein bisschen wie Starbuck’s...
Ca. 13.00 3.Spielphase Papa holt die Bauklötze raus. Mit ausgestreckten Beinen sitze ich am Boden, rechts von mir die Bauklötze, links von mir Henri. Ich baue rechts einen Turm, Henri schaut neugierig bis gierig zu, dann kommt das säuglingsspezifische Zerstörungshormon zum Tragen, nichts hält ihn mehr, er MUSS da rüber, den Turm umschmeißen, und beginnt über meine Beine zu kraxeln. Kaum isser drüben und hat den Turm umgedeppert, beginne ich auf der anderen Seite meiner Beine, einen neuen Turm zu bauen, was er natürlich mitbekommt, und Hormone schlafen nicht... Ja, Sie schütteln den Kopf, aber ich sage Ihnen was: BEVOR wir dieses Spiel zum ersten Mal gemacht haben, konnte Henri nur ein wenig robben. JETZT krabbelt er nahezu rasant...
Ca. 14.00 Mama kommt nach Hause Großes, rauschendes Wiedersehensvolksfreudenfest, nach all den Stunden!
Ca. 14.30 2. Schlafphase Papa liegt (wie jetzt) im Bett neben dem Kinderbett und schreibt weiter an seinem Blog. Oder er ist in der Küche und bringt Babyschlösser an den Schubladen und Türen an bzw. wischt Brei-Flecken auf
Ca. 16.00 Nachmittagswindel und 4. Fütterung Wie heißt der Spruch noch? „Ihr sollt alle in der Hölle Karotten.“ Genau.
Ca. 16.30 4. Spielphase Welches verdammte Sch...pielzeug hatten wir denn heute noch nicht in den Fingern? Keines? Gut. Dann doch eher der 2. Ausritt – ab in den Spielzeugladen.
Ca. 17.30 Lagebesprechung Was essen die Großen? Das Frühstück – wenn es eines gab – ist bereits 9 Stunden her.
Ca. 18.30 Essen der Großen und 5. Fütterung Ab sofort sitzt der Premier mit am Tisch – der TRIPP-TRAPP (Babystuhl) ist da! Dazu bald mehr.
Ca. 19.00 Abendwindel, Umziehen fürs Bett
Ca. 19.30 Gute-Nacht-Programm Lieder, Bilderbücher oder auch – der HIT! – Tierstimmen aus dem Wald („Tierstimmen im Wald“ von Wolfgang Dreyer und Jean C. Roche, Verlag Franckh-Kosmos, Buch und CD, etwa 10 Euro). Man muss nur die Worte „Tiere im Wald“ aussprechen, und schon schaut sich Henri nach den Bären und Hirschen um.
Ca. 20.15 (jedenfalls meistens NACH der Tagesschau) Nachtbeginn Henri schläft. IST-ER-NICHT-SÜSS!
Ca. 20.30 bis 22.00 „Freizeit“ (Putzen, Geschirr wegräumen, E-Mails checken, mal aufs Klo gehen, Zähne putzen, sich ein bisschen was vorjammern, einen halben Film im Fernsehen anschauen...)
Ca. 22.00 The End Alles liegt und schnarcht. Bis sich Henri gegen Mitternacht zum ersten Mal wieder meldet...

So. Wenn ich jetzt noch mal einen der Kollegen (Arbeitszeit 9.30 bis 18.30, exklusive einer schönen, langen Mittagspause) darüber witzeln höre, was ich für ein „hart“ arbeitender Mann sei, höhö, komme ich mal mit Henri und einem Glas Karottenbrei vorbei!

7
Aug
2008

Kleinvölkerwanderung

Dieses Blog erscheint unter falschem Namen.
Es müsste umbenannt werden.
Korrekt wäre: Rabenvaterzeitschrift.
Wobei sich die Rabenväterlichkeit nicht tatsächlich auf das Kind, sondern zuvorderst gegen Sie, die Leserinnen und Leser, richtet.
Ich will damit sagen: Ich habe Sie vernachlässigt.
Sträflich.
Ich habe versäumt, Ihnen zu berichten, dass sich Henri jetzt fortbewegt.
Und zwar tatsächlich FORT bewegt, also WEG.
Nicht mehr nur im Kreis.
Er robbt, und das sehr schnell, und das Robben ist im Begriff, sich zu einem Krabbeln zu steigern.
Parallel dazu hat er begonnen, sich kniend an allen möglichen, zuvor schier unerreichbaren Dingen hochzuziehen, um aus dieser halb knienden, halb stehenden Position wiederum nach anderen, gerade eben noch viel unerreichbareren Dingen zu hangeln.
Und eben diese berichtenswerten Details sind wiederum der Grund für den Mangel an Berichten.
Erfahrene Eltern benötigen diese Information nicht.
Erfahrene Eltern wissen, warum ich keine Zeit mehr habe, so etwas Schnödes wie ein Blog zu pflegen.
Weil ich jetzt die Feuerwehr bin.
Weil ich mich in einem fortwährenden Zustand der Alarmbereitschaft befinde.
Weil ich wie ein Sprinter gebückt am Boden knie, dauerhaft gefangen im Moment vor dem Startschuss, das Leben ein einziges „AufdiePlätzeFERTIG...!“
Immer auf dem Sprung.
Weil ich permanent darauf achten muss, dass unsere kleine Robbe nicht zum nächsten Stromkabel robbt, um dieses mit seinem ersten Zahn – Habe ich nicht erwähnt? Sehen Sie, sehen Sie! – genüsslich anzunagen. Weil ich ständig einem vor mobiler Freude quietschenden Krabbel-O-Mat nacheile, bevor dieser sich in der Duschkabinentür die Finger klemmt, ins Klo greift oder sich Blumenerde aus dem Zimmerpflanzenkübel in den Mund schaufelt.
Es ist eine anstrengende Jagd, die schön begann.
Natürlich haben wir uns riesig gefreut, als Henri sich uns zum ersten Mal armkurbelnd entgegenschob. Gejubelt haben wir. Auch als er zum ersten Mal den Hintern zu einem zaghaften Krabbeln hob.
Gejubelt haben die Entdecker der Atomenergie im ersten Moment sicherlich auch.
Und plötzlich merken die Jubelnden, welche Naturgewalten da entfesselt wurden...
Freunde mit älteren Kindern haben uns immer mit gehetztem Blick gewarnt, wir würden uns noch wehmütig in die Zeit zurücksehnen, als Henri noch nichts konnte außer rollen und rülpsen. Recht hatten sie! Aber wem nützt das jetzt – und was? Wer hätte es verhindern wollen – wie und zu welchem Preis?
Nein, Krabbeln ist großartig. Und Laufen erst, hach: Laufen. Toll!
Da gibt es kein Vertun.
Nein, da müssen wir jetzt durch.
Nein, da dürfen wir jetzt nicht aufgeben.
Nein, nein, nein.
Nein.
Nein, Henri.
Nicht die Schublade.
NEIN!

6
Aug
2008

Taschengeld

Fast hätte ich’s vergessen:
DIE KOHLE IST DA!
Nach 3-monatiger Wartezeit habe ich endlich mein Elterngeld bekommen.
Das gehe ich jetzt erstmal ausgeben, hähähä.
Andere haben nicht so viel Glück.
Eine Freundin von uns bekam im März ihr Kind – und lebt seitdem vom Gesparten...
(Ja, sie HAT einen Antrag gestellt.)
Mein Tipp also:
Antrag raushauen, sobald klar ist, wer wann wie lange Elternzeit nimmt.
Es heißt zwar, man kann den Antrag auch noch bis zu 3 Monate NACH Beginn der Elternzeit stellen – aber unter Umständen kommt das Geld dann erst, wenn alle wieder arbeiten.
Oder den Offenbarungseid bereits geleistet haben.
Das ist übrigens keine Kritik an den Sachbearbeitern, die die Anträge betreuen. Die hängen sich gut rein. Das Problem sind die Sachbearbeiter, die sich nicht reinhängen KÖNNEN, weil sie noch nicht EINGESTELLT wurden. Sprich: Es gibt zwar immer mehr Leute, die Elterngeld beantragen – aber immer noch die gleiche Anzahl von Leuten, die diese Flut von Anträgen zu verwalten haben.
Tja, irgendwo wird eben immer gespart.
Zur Not an Buchsta---

31
Jul
2008

Schlaflos im Kinderzimmer

Seitdem wir ein kleines Kind haben, schnarche ich gar nicht mehr.
Super, oder? Der Grund dafür ist, dass ich zu wenig schlafe, um überhaupt zum Schnarchen zu kommen.
Trotz aller Schlaflosigkeit junger Eltern hält sich unter Nicht-Eltern hartnäckig das Obergerücht aller Kleinstkindergerüchte:
„So Kleine schlafen ja viel.“
Mhm.
Tun die.
18 Stunden am Tag.
Mindestens.
Blödsinn.
Und doch pflanzt sich das Gerücht fort, will jede Spielplatzmutti eine Freundin haben, deren kleiner Neffe Jonathan von der ersten Nacht an durchgeschlafen hat. Eh, ich schwör, eh.
Höre ich immer wieder.
Ist doch Quatsch.
Nicht mal der Ziehsohn von Daniel Plainview in „There Will Be Blood“ schläft durch, obwohl sein misanthroper Alter ihn mit Whiskey stillt.
Säuglinge schlafen in der Regel nicht durch, und wer von seinen Kindern anderes erzählt, ist entweder ein sehr glücklicher Gewinner in der Erfreuliche-Kindereigenschaften-Lotterie oder ein L-Ü-G-N-E-R.
(Eine dritte Möglichkeit, quasi ein intellektueller Winkelzug, wäre eine versteckte Fußnote in der Mär vom Durchschlafen, in der beiläufig erwähnt wird, dass der Begriff „Durchschlafen“ sich in den wenigen bisher dazu gemachten wissenschaftlichen Untersuchungen auf eine Zeitspanne von nicht mehr als 5 Stunden bezieht. DAS können Kinder schon mal schaffen, ja. Selten.)
Meine Kollegin Katja hat ja die Theorie, dass die Lüge vom durchschlafenden Kind eine Art psychosoziale Halluzination ist. Diese Mütter WOLLEN glauben, dass es Kinder gibt, die durchschlafen. Und die Muttis, die tatsächlich behaupten, ihr Kind schlafe durch, WOLLEN das auch gerne so haben – und darum sehen die das dann auch so.
Das nenne ich: Pippi-Langstrumpf-Syndrom.
„Ich-mach-mir-die-Welt-widi-widi-wie-sie-mir-gefällt!“
Dieses Gerücht hat Folgen.
Zum Beispiel Bücher wie „Jedes Kind kann schlafen“.
Dieser Ratgeber bezieht sich auf das Prinzip des „Ferberns“ nach dem Entwickler des Programms. Grundidee: Ein Kind, das abends von alleine einschläft, schafft das auch nachts. Wenn es also in der Nacht wach wird, ist es nicht verunsichert und schreit nach den Eltern, sondern schläft einfach wieder ein. Wenn man dem Kind also durch kontrolliertes Alleinlassen beim Einschlafen dieses Prinzip nahe bringt, kann es sich irgendwann selbst helfen.
Schöne Idee.
Finden die Eltern.
Findet das Kind nicht.
Das Kind schreit.
Man könnte sagen, die Idee ist genau so schön wie die, dass ein Kind, das völlig isoliert von aller Kommunikation aufwächst, mit dem also während seiner ganzen Kindheit nie jemand redet oder schmust oder lacht oder wenigstens schimpft, dass dieses Kind irgendwann anfängt in der Ursprache der Menschen zu parlieren.
Das Beispiel ist obszön, mir klar, aber ist der Pfeil auch zu spitz, so zielt er doch aufs Herz.
Hier geht es um Menschenversuche, von denen nicht annähernd erwiesen ist, dass sie zu einem brauchbaren Ergebnis führen. (Ausführlichere Informationen finden sich auf der kritischen Seite www.ferbern.de) Niemand kann sagen, ob ein Kind, dass nach der Rosskur des „Ferberns“ zuverlässiger schläft, nicht auch ohne diese Tortur selbständig ins Reich der Träume gefunden hätte.
Aber hier geht es ja auch gar nicht um das Kind oder seine Wünsche und Belange, nicht wahr.
Der anhaltende Erfolg dieser menschenverachtenden Dressur-Fibel ist nichts weiter als der Ausdruck eines um sich greifenden Kontrollwahns junger Eltern, die ihre augenringfreie Gesichtshaut und ihre gemütlichen Rotwein-und-ne-schöne-DVD-aus-der-SZ-Cinemathek-Abende wiederhaben wollen. Wer es guten Gewissens fertig bringt, sein Kind diesem Ratgeber gemäß „kontrolliert schreien“ zu lassen. möchte wohl genau zu der Gruppe Menschen gehören, die auch sagen: „Sport muss schmerzen.“ „Wenn du verheiratet bist, tut es gar nicht mehr weh.“ „Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter.“ „Kalt duschen und hart schlafen hält fit bis ins hohe Alter.“
Tatsächlich aber sind Menschen, die solche Sprüche von sich geben, meist in erster Linie hart gegen sich selbst.
Eltern, die ihr Kind unter schlimmstem Geschrei zum radioweckertreuen Haushaltsvollmitgliedschaftsanwärter peitschen wollen, sind in erster Linie hart gegen ein Kleinstkind.
Wie tapfer, wie mutig!
Und wofür das alles?
- Ina P (33): „Um neben all diesem Babykram als Individuum nicht ganz verloren zu gehen.“ (Äh, hallo, der Babykram schreit sich gerade ein Lüngchen aus dem Hälschen.)
- Mirko C. (31): „Um auch noch auch ein bisschen was vom Tag zu haben.“ (Was denn? Ohrenschmerzen? Oder das Gefühl, etwas Richtiges gegen erbitterte Widerstände durchgesetzt zu haben?)
- Hanna J. (33): „Um endlich auch mal wieder die Tagesschau sehen zu können.“ (Und dann über das Elend der Kinder in Afrika den Kopf zu schütteln und sich über das Gebrüll des eigenen Nachwuchses hinweg zuzusichern, der habe es so gut, das wisse der gar nicht.)
Wie gesagt: Rotwein und DVD.
Was heißt überhaupt: kontrolliert schreien lassen?
Ist das so etwas wie: gesteuert zur Explosion bringen?
Gezielt streubomben?
Also, nee.
Auch ich würde gerne mal wieder in Ruhe fernsehen oder Musik hören oder einen heben gehen. Aber ehrlich gesagt, finde ich, das sollte man am liebsten tun, ohne überhaupt ein Kind zu haben. Kind stört nämlich beim Saufen und Fernsehen. Da ich aber nun ein Kind habe, und auch haben WOLLTE, und immer noch haben WILL, lasse ich die anderen Dinge eben bleiben, bis sie wieder passen. Meine Augenringe trage ich stolz zu Markte und sage: Sehet, wir haben ein Menschenkind!
Und kaufe mir keine martialischen Schrei-Guides, die als patentierte Schlafmittel daherkommen wollen.
So weit so gut.
Ich bin sicher, dieses Thema wird immer mal wieder auftauchen.

29
Jul
2008

Don't talk, just sing?

Die Freundin einer Freundin verkündete dieser kürzlich, sie wolle mit ihrem Kind nur noch singend kommunizieren, um die Verwendung von Babysprache zu vermeiden.
Interessant.
Ich war bei dem Gespräch nicht zugegen, kenne die weiteren Hintergründe nicht und frage mich daher: Was wird sie singen?
Packt sie ihre sehr erwachsen formulierten Botschaften in eine – womöglich immer die gleiche – Melodie?
Oder verwendet sie vorhandenes Liedgut, das zur Situation passt? Bei deutschsprachigen Kinderliedern stößt man da – je nach Komplexität der Situation – bald an seine Grenzen. Und ist schnell wieder bei der Kindersprache.
Mein Vorschlag: Deutsche Versionen internationaler Hits erstellen, die zu den jeweiligen Situationen passen.
Einige Beispiele gefällig?

Situation: Kind ist hingefallen.
Babysprache: „Oh, hadda Bauz demacht, uiuiui!“
Zu beleihender Song: „Catch me I’m falling“ von Real Life (Jaja, die 80er)
Deutscher Text: „Platsch! Hingefaaallen/ Daaas tut weh/ Soll ich mal puuusten?/ Komm mal her!“

Situation: Kind hat den Brei sprühprustend in der Küche verteilt.
Babysprache: „Oh, willtu nimmer essen Breili-Brei?“
Zu beleihender Song: „Itsy-Bitsy-Teenie-Weenie Honolulu Strand-Bikini“ von den Blue Diamonds
Deutscher Text: „Eins. Zwei, Brei, ja was ist denn schon dabei? Das bisschen Itsy-Bitsy Mini-Weenie Bio-Hafer-Schleim-Geschmiere/ kann man doch wohl ganz schnell entfer’n/ Son’ bisschen Itsy-Bitsy Mini-Weenie Bio-Hafer-Schleim-Geschmiere/ dafür schrubb’ ich die Küche doch gern!“

Situation: Kind spielt am Stromkabel herum.
Babysprache: „Nanana, dududu nis an die bösibösi Kabeli geh!“
Zu beleihender Song: „Das Model“ von Kraftwerk
Deutscher Text: „Du kaust am Kabel/ das sieht nicht gut aus./ Vielleicht zieh’n wir lieber mal den Stecker raus.“

Situation: Kind hat die Windel bis zum Rand gefüllt.
Babysprache: „Oh, hattu aba droooßen Haufen demacht, fein!“
Zu beleihender Song: Big, big girl von Emilia
Deutscher Text: „Da ist ein dickes Ding/ in deiner Windel drin./ Das riecht nicht gut/ wir müssen wiiickeln.“

Situation: Kind ist wieder hingefallen. (Kommt ja dauernd vor.)
Babysprache: „Oh, hadda scho wieda Bauz demacht, uiuiui!“
Zu beleihender Song: Catch my fall von Billy Idol
Deutscher Text: „Autsch gefall’n/ Bist du gestolpert?/ Autsch gefall’n/ Das hat geknallt!“

Von dieser Stelle noch die Anmerkung: Kinder mögen Babysprache. Und es ist ihrer Entwicklung förderlich, wenn die Eltern sich ihnen gegenüber in einer vereinfachten, zärtlichen Sprechweise äußern. Das haben sogar Studien belegt, glaube ich. Peinlich ist das Ganze nur für die Erwachsenen. Aber man muss das Dutzidutzi ja nicht exzessiv betreiben. Schließlich kann man mit seinen Kindern auch ganz normal reden, selbst wenn sie noch sehr klein sind – nicht wahr, Henri?
„Halt die Fresse, Opa, und mach endlich den Brei warm!“
Sag ich doch.

27
Jul
2008

Wie Mann richtig Milch verpulvert

Mal wieder ein Reportage-Gruß aus dem Vaterland:

Und es begab sich zu der Zeit, dass die eilige Familie auszog gen Osten, um sich eine Woche in der Hauptstadt umzutun.
Während die Frau Mama auf einem Kongress weilte und ihren Seelenfrieden auf dem Altar der Wissenschaft opferte, hatte der Herr Papa viel Zeit, mit seinem Herren Sohn das schöne Berlin zu erkunden.
Da wir aber nicht hip in Mitte, sondern familienfreundlich in einem feudalen Apachtemang am westlichen Havelufer residierten (1.000 Dank an Dagmar, Manfred & Papa Keiz!) und dementsprechend etwas weiter anreisen mussten, um in belebtere Gefilde zu kommen, war eine Vergrößerung des väterlichen Aktionsradius unbedingt vonnöten. Soll heißen: Wenn ich mich in den Monaten zuvor immer brav nie weiter als 20 Minuten Anreiseweg von den heimischen Milchtöpfen aufhielt, musste ich nun mit Fahrtzeiten von bis zu anderthalb Stunden klarkommen.
In den Wochen vor unserer Abreise: ratlose Nachdenklichkeit. Angesichts der dräuenden Situation, dass die Mama sich beinahe täglich zu irgendwelchen Symposien davonzumachen drohte (und mit ihr die naturgegebene Milchversorgungsanlage), zogen in meiner Vorstellung düstere Wolken der Vorahnung eines Hunger-GAUs auf:
Eine Einkaufszone irgendwo in Berlin.
Ein schreiendes, hungriges Knäblein in den Armen eines verzweifelten Vaters, dessen Brustdrüsen nichts Nahrhafteres vorzuweisen haben als ein paar gelockte Haare.
Eine anrückende Hundertschaft bewaffneter Jugendamts-Büttel, die dem Vater das Kind entreißen.
Einzelhaft.
Zunächst war ich wild entschlossen, das Haus nicht zu verlassen.
Aber dann fand sich eine Lösung.
Der Zaubertrick heißt: Folgemilch.
Nach einigen erfolglosen Versuchsreihen und Produkttests entdeckten wir tatsächlich ein Milchpulver, das (mit heißem Wasser gemixt) Henris Gusto entsprach. Natürlich ist Muttis immer noch die beste – aber jetzt gab es tatsächlich so etwas wie „Vatermilch“. Mit einem dicken Paket Bio-Folgemilch von Hipp schickte ich mich an, meine Spannweite zu vergrößern.
Einziges verbleibendes Problem: Woher inmitten besagter Einkaufszone zirka 100 ml warmes, zuvor abgekochtes Wasser nehmen? Bei Tchibo schnorren? Im „Saturn“-Markt vorgeben, „nur mal eben die Espresso-Maschinen ausprobieren zu wollen“? („Dit haste dir wohl so jedacht, Keule, wa? Nüscht da, raus, aber janz flotti!“)
Nein, der gewitzte Leser ahnt es: Eine Thermoskanne musste her. Aber einen Liter Wasser in einer kiloschweren Albi-Kanne herumochsen?
Och, nö.
Ich empfehle: Den Relags Thermobecher „Tumbler“ (über www.relags.de) in klein (350 ml, etwa 9 Euro). Hält ganz gut dicht – und echt gut warm (Wasser in 6 Stunden von 80 Grad auf nur knapp 60 Grad abgekühlt).
So fand sich also an diversen Orten Berlins in der letzten Woche ein junger Vater, der aus einem silbernen Gefäß heißes Wasser in eine zuvor daheim mit der korrekten Menge Milchpulver präparierten Babyflasche füllte und gleich darauf an seinen hungrigen Sohn verfütterte. Unter anderem auch auf der MS Havel Queen, einem großen Ausflugsdampfer mit dem Vater & Sohn eine 2½-stündige Havelrundfahrt unternommen haben. (Grüße an die sehr nette Crew!)
Für längere Ausflüge muss ich entsprechend mehr vorbefüllte Milchfläschchen mitnehmen, weil das Ganze immer frisch zubereitet und schnell verbraucht werden muss, Aufwärmen verboten! Bei richtigen Tagesausflügen wird allerdings der Platz in der Wickeltasche knapp. Vielleicht erfindet ja mal jemand so eine Art Patronengurt für Babypullen, und zwei Halftern für die Wasser-„Tumbler“?
Wäre nett, danke.
Um gleich im Western-Bild zu bleiben: Der Showdown der Woche fand in der Spandauer Filiale des zur Zeit bekanntesten US-Kaffee-Shops statt.
Nein, ich habe keinen „Folgemilchkaffee“ bestellt, ihr Witzbolde.
Ich hatte kein Milchproblem, sondern Wassersorgen.
Als ich endlich auf einem ruhigen Plätzchen inmitten des Lokals angekommen war (die Sofas am Fenster waren von vier jungen Müttern mit ebenso vielen 1- bis 2-jährigen Babys mehr als besetzt), Henri bereits hungerhampelnd auf dem Arm, stellte ich fest: Der Becher hatte das Wasser ZU gut warmgehalten. Es kochte fast noch. Und ließ sich auch durch heftigstes Schütteln nicht zum downcoolen bewegen.
(In der Zwischenzeit: verdächtige Stille am Mütterfenster, was ich aber nicht weiter beachten konnte.)
Eine neue Eiszeit war kurzfristig nicht zu erwarten, die Kühlschrankabteilung bei „Saturn“ war tabu („Nu isset aber bald ma jut, Meister, wa?!“) – wie also die Milch abkühlen, Scheiße, verdammte?
Henri: NÖÖÖÖL! ZETER! NACH DER PULLE GREIF!
Idee: Wasser!
Toilette: zu großer Andrang.
Ab an die Theke.
„Einen großen Becher kaltes Leitungswasser, bitte“
„Mit Eis?“
„Au ja!“
Zurück an den Platz, Henri mittlerweile HÖCHST ungeduldig strampelnd im Arm. Die Milchflasche mit dem Boden ins eiskalte Wasser halten.
(Dann plötzlich dieses untrügliche Gefühl, beobachtet zu werden, dieses Aufblitzen von zugewandten Gesichtern hinter dem Augenhorizont.)
Ich blicke auf und sehe vor dem Fenster auf den Sofas acht Gesichter – vier große, vier kleine – die mir voller Faszination zugewandt sind, die schweigend und mit 16 großen Augen diesen Vater anstarren, der da mit ruckelndem, maulendem Kind auf dem Arm bei Starbuck’s an einem Tisch sitzt und eine Babyflasche mit dem Arsch in einen Becher Eiswasser hält.
Ein Moment freundliche Stille.
Großes Stillstaunen und Raunen.
Dann: allgemeines Losprusten.
Mütterlachen, Kinderlachen, Vaterlachen.
Nur kein Henrilachen, weil: Der hat nämlich Hunger, und das ist NICHT WITZIG!
Aber als nach 10 Sekunden die Milch perfekt heruntergekühlt aus dem Eisbecher ihren Weg an des Kindes hungrigen Mund gefunden hat, ist der Freudenfrieden perfekt. Alles ist Glück und satte Freude, und das Vatergrinsen will auch für die nächsten 15 Minuten einfach nicht aus dem Gesicht verschwinden.

17
Jul
2008

Mit den besten Empfehlungen

Kinder kriegen und haben kann ich nur empfehlen.
Nicht so empfehlen kann ich in diesem Zusammenhang:
- Baby-Kleidung von H&M. Die wird nämlich fast ausschließlich in China, Indien oder Bangladesh hergestellt – womöglich von 11-Jährigen in Sweatshops. Da bekommt der Begriff „Kinder-Kleidung“ eine ganz neue Färbung.
- Mit teuren Armbanduhren am Handgelenk Kinder auf den Arm nehmen. Kinder wollen die Uhr dann gerne essen. Ist der Besitzer der Uhr nicht zu einem Deal bereit, der ein etwa 45-minütiges Besabbeln seiner Rolex beinhaltet, könnte es Geplärr geben.
- Den Spielteppich MINNEN ROS von IKEA. Das Teil flust schlimmer als ein Rudel Angorahasen nach der Bestrahlung. Nach jedem Staubsaugen kann ich einen Monsterfussel von der Größe eines Handballs aus dem Staubbehälter entfernen. Und wenn wir nicht gerade saugen, fusselt das Ding munter die gesamte Wohnsphäre zu – auch Henris Kleidung, Gesicht, Lungen?
- Kinder in der Rollphase seitlich neben Schränke legen. Sie rollen immer in Richtung Schrank – und bollern mit dem Kopf dagegen.
- Plastik-Sound-Spielzeug ohne Lautstärkeregler. Am Anfang sind diese Fisher-Price- und Chicco-Teile, wo Kind Knöpfe in Form von Fröschen und Schmetterlingen drückt, ja noch ganz witzig. Aber nach dem 100sten Mal Palümmel-Lümm-Pümm-Pümm-Plingpling wird die Sehnsucht nach Ruhe so groß, dass der Griff zum Hammer unausweichlich erscheint.
- Mit Kind auf dem Arm in Kindesarm-Reichweite an frisch gefüllten Blumenvasen vorbeigehen. Tulpen sind keine geeignete Baby-Beikost und lassen sich auf anderem Wege bequemer entsorgen.
- Schuhe, Schirme oder Sammelsteckdosen weithin sichtbar im Raum platzieren. He can't run – but you can't hide anything from him!
- In zu hohem Tempo zu nah mit dem Kopf vor seinem Gesicht auftauchen. Kind taucht dann nämlich noch schneller mit seinen Fingern in Ihrem Auge auf – und hat auch keine Hemmungen, darin ein büschen herumzupopeln. (Grüße an Matze, der kennt das auch! ;-))
Soweit die Tipps des Tages, später mehr.

14
Jul
2008

FAQ (Teil 1)

Viel präsenter als Babyschwimmen ist ja wohl Elternschwimmen.
Junge Eltern mit Erstkind sind Ertrinkende in einem wogenden Meer aus Fragen.
Zum Beispiel:
- Wird es den Kleinen umbringen, wenn wir ihm die zum zweiten Mal erwärmte Muttermilch geben? (Glaubt man diversen Hebammen und Ernährungsratgebern, dann: JA!)
- Ist es schädlich für seine Entwicklung, wenn Henri vor dem Einschlafen ohne Rücksicht auf Verluste kreuz und quer durch sein 70 x 140 cm großes Bett rollt und purzelt, um dann schließlich parallel zum Fußende auf der Seite liegend, mit der Nase an der lackierten Holzseitenwand – und den Füßen aus dem Gitter steckend –, in tiefen, schnarchenden Schlaf zu fallen? (Also, der Trainer hat ja früher gesagt: immer alles geben, und immer die ganze Breite des Spielfeldes ausnutzen...)
- Tötet Rockmusik das Gute in der Kinderseele ab, auch wenn man sie nur gaaaanz leise hört? (Mein alter Kumpel Alice Cooper sagt: Nö, bullshit.)
- Durch welches kosmische Gesetz ist es zu erklären, dass Babys immer genau zu jener Zeit auf Karottenbrei abfahren, in der die Farbe Orange gerade komplett aus der Mode ist? (Immer dran denken, Jungs: Beim Füttern ALTE Gammelklamotten anziehen! Oder ein vollsynthetisches Oranje-Trikot, aber bloß nicht damit rausgehen!)
- Schadet es dem Kind, wenn die Mutter sich für eine Augenuntersuchung ein fluoreszierendes Kontrastmittel verabreichen lässt, das nachweislich durch die Muttermilch aufgenommen wird? (Ähm, ich fände es ja ganz praktisch, wenn der Kleine im Dunkeln ein wenig leuchtet. Dann würde man ihn nachts in seinem Bett nach all der Rumrollerei viel besser finden...)
Tjaja, ich frag mich mal weiter.
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momoseven - 20. Nov, 12:31
The End of the Elternzeit
Man sagt zwar it ain't over 'til it's over, aber da...
Jens Clasen - 20. Nov, 11:50

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