Finale(-)Nachlese
Nochmals abschließend zur Frage: Wie bringt man die Phänomene Kleinstkind und EURO2008 unter einen Hut?
Oder anders gefragt: Wie kann einer die ganze EM mit der deutschen Mannschaft fiebern – und dann am Abend des verlorenen Finales richtig gute Laune haben?
Nun, sehr einfach.
Alles begann mit einer Erkältung.
(Viel wurde an dieser Stelle über die Vorzüge des Babyschwimmens geschwärmt – das ist eindeutig ein großer Nachteil: die ständigen Erkältungen. Unsere Bilanz: drei Mal Schwimmen, drei Mal krankes Kind. Auch das spricht für mehr Fußball.)
Aus Henris Schnupfennase entwickelte sich von Freitag auf Samstag binnen kürzester Zeit eine Bronchitis. Insgesamt waren wir am Samstag und Sonntag mit unserem bellenden, schlappen kleinen Mann drei Mal in der Kindernotaufnahme der Uni-Klinik.
Beim ersten Mal am Samstagabend hieß es: ach was, keine Bronchitis. Pseudo-Krupp. Hier: Hustensaft. Drei Mal täglich, Wiedersehn.
Am nächsten Morgen: Kein Husten, aber Henri hechelt wie ein Pudel kurz vorm Hitzschlag. Typische Symptome verengter Bronchien, denken wir Laien.
Jaja, sagt die nächste Ärztin beim nächsten Besuch in der Kinderklinik, leichte obstruktive Bronchitis, können Sie mit Inhalation behandeln.
Inhalationsapparat gemietet, ans Kind angeschlossen, Kind hechelt weiter und wird immer blasser.
Am Sonntagnachmittag dann die dritte und antizipiert letzte Fahrt ins Krankenhaus: Wir hätten uns zur Not an die Heizung gekettet, damit sie uns da behalten. Aber die dritte Ärztin zeigte sich sofort verständig und in adäquater Weise alarmiert. Die Einweisung auf Kinderstation 2 erfolgte innerhalb von Minuten. (Wäre sie durch ein früheres, beherzteres Eingreifen zu verhindern gewesen? Hm.)
Auf der Kinderstation wurden wir sehr herzlich empfangen – leider in einem Zimmer, das für die darin enthaltenen Möbel und uns drei Menschen etwas zu klein war. Wir hätten uns gerne mit den Möbeln abgewechselt, aber die waren fest montiert. Also zwängten wir uns hinein, legten unseren müden, schlaffen Japsmann ins hübsche orangefarbene Gitterbett, inhalierten mit ihm, gaben ihm ein Zäpfchen (jaja, macht man alles selbst), bewachten bangend seinen Schlaf.
Während ganz Deutschland dem Finale gegen Spanien entgegenfieberte, litten wir mit unserem Sohn, der ein Fieber ganz anderer Art durchzustehen hatte (38, 6° am Nachmittag). Während alle Welt mit schwarzrotgoldenen oder nur rotgoldenen Hüten, Hemden und Flaggen an die Public-Viewing-Stätten pilgerte, hatten wir zwischenzeitlich völlig vergessen, dass es so etwas wie ein EM-Finale überhaupt geben würde.
(Naja, okay, ich gebe zu, so ganz VERGESSEN habe ich es nicht, ist aber auch schwer, wenn sogar die Krankenschwester sich kleine Deutschland-Fahnen ins Gesicht malen und sich auf dem Gelände der Uni-Klinik Medizin-Studenten vor der eigens aufgebauten Riesenglotze warmsingen.)
Gegen Abend erwachte Henri dann aus tiefem, erholsamem Schlaf. Er muss erholsam gewesen sein, denn plötzlich war er wieder der Alte: quirlig, kugelnd, spaßend, lachend. Die Atmung war immer noch etwas hektisch, aber es bestand kein Zweifel: Er war auf dem Weg der Besserung. Seine Gegner, die Viren, waren auf dem Rückzug, ihre Attacken wurden von der Henri-eigenen Abwehr in Zaum gehalten.
Später schlief er dann weiter und wir stellten den Krankenzimmerfernseher ein, ohne Ton, und sahen stumm, mit einem Blick aus weiter Ferne, noch weiter als Wien wirklich weg ist, unsere Mannschaft untergehen. Auch da beobachteten wir einige hechelnde, müde Männer, die ihr Letztes gaben, um die immer wieder anstürmenden Gegner in Schach zu halten. Aber das deutsche Immunsystem war zu schwach, die spanische Grippe zu gut trainiert und spielerisch einfach um Klassen besser.
Als ich gegen elf aus dem Krankenhaus nach Hause aufbrach, hatte Deutschland das EM-Finale verloren – und ich war richtig gut gelaunt.
Ich kaufte mir an der Bushaltestelle Schulweg in einer Dönerbude ein Bier und trank es auf dem Weg die Osterstraße hinauf – auf unseren Sieg.
Das Ergebnis in meinem Spiel des Tages lautete: Henri-Viren 1:0!
P. S.: Gestern (Mittwoch) wurden wir dann endlich aus der Klinik entlassen. Henris Lunge arbeitet wieder vorschriftsgemäß. Babyschwimmen fällt jetzt erstmal eine Weile aus.
Oder anders gefragt: Wie kann einer die ganze EM mit der deutschen Mannschaft fiebern – und dann am Abend des verlorenen Finales richtig gute Laune haben?
Nun, sehr einfach.
Alles begann mit einer Erkältung.
(Viel wurde an dieser Stelle über die Vorzüge des Babyschwimmens geschwärmt – das ist eindeutig ein großer Nachteil: die ständigen Erkältungen. Unsere Bilanz: drei Mal Schwimmen, drei Mal krankes Kind. Auch das spricht für mehr Fußball.)
Aus Henris Schnupfennase entwickelte sich von Freitag auf Samstag binnen kürzester Zeit eine Bronchitis. Insgesamt waren wir am Samstag und Sonntag mit unserem bellenden, schlappen kleinen Mann drei Mal in der Kindernotaufnahme der Uni-Klinik.
Beim ersten Mal am Samstagabend hieß es: ach was, keine Bronchitis. Pseudo-Krupp. Hier: Hustensaft. Drei Mal täglich, Wiedersehn.
Am nächsten Morgen: Kein Husten, aber Henri hechelt wie ein Pudel kurz vorm Hitzschlag. Typische Symptome verengter Bronchien, denken wir Laien.
Jaja, sagt die nächste Ärztin beim nächsten Besuch in der Kinderklinik, leichte obstruktive Bronchitis, können Sie mit Inhalation behandeln.
Inhalationsapparat gemietet, ans Kind angeschlossen, Kind hechelt weiter und wird immer blasser.
Am Sonntagnachmittag dann die dritte und antizipiert letzte Fahrt ins Krankenhaus: Wir hätten uns zur Not an die Heizung gekettet, damit sie uns da behalten. Aber die dritte Ärztin zeigte sich sofort verständig und in adäquater Weise alarmiert. Die Einweisung auf Kinderstation 2 erfolgte innerhalb von Minuten. (Wäre sie durch ein früheres, beherzteres Eingreifen zu verhindern gewesen? Hm.)
Auf der Kinderstation wurden wir sehr herzlich empfangen – leider in einem Zimmer, das für die darin enthaltenen Möbel und uns drei Menschen etwas zu klein war. Wir hätten uns gerne mit den Möbeln abgewechselt, aber die waren fest montiert. Also zwängten wir uns hinein, legten unseren müden, schlaffen Japsmann ins hübsche orangefarbene Gitterbett, inhalierten mit ihm, gaben ihm ein Zäpfchen (jaja, macht man alles selbst), bewachten bangend seinen Schlaf.
Während ganz Deutschland dem Finale gegen Spanien entgegenfieberte, litten wir mit unserem Sohn, der ein Fieber ganz anderer Art durchzustehen hatte (38, 6° am Nachmittag). Während alle Welt mit schwarzrotgoldenen oder nur rotgoldenen Hüten, Hemden und Flaggen an die Public-Viewing-Stätten pilgerte, hatten wir zwischenzeitlich völlig vergessen, dass es so etwas wie ein EM-Finale überhaupt geben würde.
(Naja, okay, ich gebe zu, so ganz VERGESSEN habe ich es nicht, ist aber auch schwer, wenn sogar die Krankenschwester sich kleine Deutschland-Fahnen ins Gesicht malen und sich auf dem Gelände der Uni-Klinik Medizin-Studenten vor der eigens aufgebauten Riesenglotze warmsingen.)
Gegen Abend erwachte Henri dann aus tiefem, erholsamem Schlaf. Er muss erholsam gewesen sein, denn plötzlich war er wieder der Alte: quirlig, kugelnd, spaßend, lachend. Die Atmung war immer noch etwas hektisch, aber es bestand kein Zweifel: Er war auf dem Weg der Besserung. Seine Gegner, die Viren, waren auf dem Rückzug, ihre Attacken wurden von der Henri-eigenen Abwehr in Zaum gehalten.
Später schlief er dann weiter und wir stellten den Krankenzimmerfernseher ein, ohne Ton, und sahen stumm, mit einem Blick aus weiter Ferne, noch weiter als Wien wirklich weg ist, unsere Mannschaft untergehen. Auch da beobachteten wir einige hechelnde, müde Männer, die ihr Letztes gaben, um die immer wieder anstürmenden Gegner in Schach zu halten. Aber das deutsche Immunsystem war zu schwach, die spanische Grippe zu gut trainiert und spielerisch einfach um Klassen besser.
Als ich gegen elf aus dem Krankenhaus nach Hause aufbrach, hatte Deutschland das EM-Finale verloren – und ich war richtig gut gelaunt.
Ich kaufte mir an der Bushaltestelle Schulweg in einer Dönerbude ein Bier und trank es auf dem Weg die Osterstraße hinauf – auf unseren Sieg.
Das Ergebnis in meinem Spiel des Tages lautete: Henri-Viren 1:0!
P. S.: Gestern (Mittwoch) wurden wir dann endlich aus der Klinik entlassen. Henris Lunge arbeitet wieder vorschriftsgemäß. Babyschwimmen fällt jetzt erstmal eine Weile aus.
Jens Clasen - 3. Jul, 11:18
