Schlaflos im Kinderzimmer
Seitdem wir ein kleines Kind haben, schnarche ich gar nicht mehr.
Super, oder? Der Grund dafür ist, dass ich zu wenig schlafe, um überhaupt zum Schnarchen zu kommen.
Trotz aller Schlaflosigkeit junger Eltern hält sich unter Nicht-Eltern hartnäckig das Obergerücht aller Kleinstkindergerüchte:
„So Kleine schlafen ja viel.“
Mhm.
Tun die.
18 Stunden am Tag.
Mindestens.
Blödsinn.
Und doch pflanzt sich das Gerücht fort, will jede Spielplatzmutti eine Freundin haben, deren kleiner Neffe Jonathan von der ersten Nacht an durchgeschlafen hat. Eh, ich schwör, eh.
Höre ich immer wieder.
Ist doch Quatsch.
Nicht mal der Ziehsohn von Daniel Plainview in „There Will Be Blood“ schläft durch, obwohl sein misanthroper Alter ihn mit Whiskey stillt.
Säuglinge schlafen in der Regel nicht durch, und wer von seinen Kindern anderes erzählt, ist entweder ein sehr glücklicher Gewinner in der Erfreuliche-Kindereigenschaften-Lotterie oder ein L-Ü-G-N-E-R.
(Eine dritte Möglichkeit, quasi ein intellektueller Winkelzug, wäre eine versteckte Fußnote in der Mär vom Durchschlafen, in der beiläufig erwähnt wird, dass der Begriff „Durchschlafen“ sich in den wenigen bisher dazu gemachten wissenschaftlichen Untersuchungen auf eine Zeitspanne von nicht mehr als 5 Stunden bezieht. DAS können Kinder schon mal schaffen, ja. Selten.)
Meine Kollegin Katja hat ja die Theorie, dass die Lüge vom durchschlafenden Kind eine Art psychosoziale Halluzination ist. Diese Mütter WOLLEN glauben, dass es Kinder gibt, die durchschlafen. Und die Muttis, die tatsächlich behaupten, ihr Kind schlafe durch, WOLLEN das auch gerne so haben – und darum sehen die das dann auch so.
Das nenne ich: Pippi-Langstrumpf-Syndrom.
„Ich-mach-mir-die-Welt-widi-widi-wie-sie-mir-gefällt!“
Dieses Gerücht hat Folgen.
Zum Beispiel Bücher wie „Jedes Kind kann schlafen“.
Dieser Ratgeber bezieht sich auf das Prinzip des „Ferberns“ nach dem Entwickler des Programms. Grundidee: Ein Kind, das abends von alleine einschläft, schafft das auch nachts. Wenn es also in der Nacht wach wird, ist es nicht verunsichert und schreit nach den Eltern, sondern schläft einfach wieder ein. Wenn man dem Kind also durch kontrolliertes Alleinlassen beim Einschlafen dieses Prinzip nahe bringt, kann es sich irgendwann selbst helfen.
Schöne Idee.
Finden die Eltern.
Findet das Kind nicht.
Das Kind schreit.
Man könnte sagen, die Idee ist genau so schön wie die, dass ein Kind, das völlig isoliert von aller Kommunikation aufwächst, mit dem also während seiner ganzen Kindheit nie jemand redet oder schmust oder lacht oder wenigstens schimpft, dass dieses Kind irgendwann anfängt in der Ursprache der Menschen zu parlieren.
Das Beispiel ist obszön, mir klar, aber ist der Pfeil auch zu spitz, so zielt er doch aufs Herz.
Hier geht es um Menschenversuche, von denen nicht annähernd erwiesen ist, dass sie zu einem brauchbaren Ergebnis führen. (Ausführlichere Informationen finden sich auf der kritischen Seite www.ferbern.de) Niemand kann sagen, ob ein Kind, dass nach der Rosskur des „Ferberns“ zuverlässiger schläft, nicht auch ohne diese Tortur selbständig ins Reich der Träume gefunden hätte.
Aber hier geht es ja auch gar nicht um das Kind oder seine Wünsche und Belange, nicht wahr.
Der anhaltende Erfolg dieser menschenverachtenden Dressur-Fibel ist nichts weiter als der Ausdruck eines um sich greifenden Kontrollwahns junger Eltern, die ihre augenringfreie Gesichtshaut und ihre gemütlichen Rotwein-und-ne-schöne-DVD-aus-der-SZ-Cinemathek-Abende wiederhaben wollen. Wer es guten Gewissens fertig bringt, sein Kind diesem Ratgeber gemäß „kontrolliert schreien“ zu lassen. möchte wohl genau zu der Gruppe Menschen gehören, die auch sagen: „Sport muss schmerzen.“ „Wenn du verheiratet bist, tut es gar nicht mehr weh.“ „Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter.“ „Kalt duschen und hart schlafen hält fit bis ins hohe Alter.“
Tatsächlich aber sind Menschen, die solche Sprüche von sich geben, meist in erster Linie hart gegen sich selbst.
Eltern, die ihr Kind unter schlimmstem Geschrei zum radioweckertreuen Haushaltsvollmitgliedschaftsanwärter peitschen wollen, sind in erster Linie hart gegen ein Kleinstkind.
Wie tapfer, wie mutig!
Und wofür das alles?
- Ina P (33): „Um neben all diesem Babykram als Individuum nicht ganz verloren zu gehen.“ (Äh, hallo, der Babykram schreit sich gerade ein Lüngchen aus dem Hälschen.)
- Mirko C. (31): „Um auch noch auch ein bisschen was vom Tag zu haben.“ (Was denn? Ohrenschmerzen? Oder das Gefühl, etwas Richtiges gegen erbitterte Widerstände durchgesetzt zu haben?)
- Hanna J. (33): „Um endlich auch mal wieder die Tagesschau sehen zu können.“ (Und dann über das Elend der Kinder in Afrika den Kopf zu schütteln und sich über das Gebrüll des eigenen Nachwuchses hinweg zuzusichern, der habe es so gut, das wisse der gar nicht.)
Wie gesagt: Rotwein und DVD.
Was heißt überhaupt: kontrolliert schreien lassen?
Ist das so etwas wie: gesteuert zur Explosion bringen?
Gezielt streubomben?
Also, nee.
Auch ich würde gerne mal wieder in Ruhe fernsehen oder Musik hören oder einen heben gehen. Aber ehrlich gesagt, finde ich, das sollte man am liebsten tun, ohne überhaupt ein Kind zu haben. Kind stört nämlich beim Saufen und Fernsehen. Da ich aber nun ein Kind habe, und auch haben WOLLTE, und immer noch haben WILL, lasse ich die anderen Dinge eben bleiben, bis sie wieder passen. Meine Augenringe trage ich stolz zu Markte und sage: Sehet, wir haben ein Menschenkind!
Und kaufe mir keine martialischen Schrei-Guides, die als patentierte Schlafmittel daherkommen wollen.
So weit so gut.
Ich bin sicher, dieses Thema wird immer mal wieder auftauchen.
Super, oder? Der Grund dafür ist, dass ich zu wenig schlafe, um überhaupt zum Schnarchen zu kommen.
Trotz aller Schlaflosigkeit junger Eltern hält sich unter Nicht-Eltern hartnäckig das Obergerücht aller Kleinstkindergerüchte:
„So Kleine schlafen ja viel.“
Mhm.
Tun die.
18 Stunden am Tag.
Mindestens.
Blödsinn.
Und doch pflanzt sich das Gerücht fort, will jede Spielplatzmutti eine Freundin haben, deren kleiner Neffe Jonathan von der ersten Nacht an durchgeschlafen hat. Eh, ich schwör, eh.
Höre ich immer wieder.
Ist doch Quatsch.
Nicht mal der Ziehsohn von Daniel Plainview in „There Will Be Blood“ schläft durch, obwohl sein misanthroper Alter ihn mit Whiskey stillt.
Säuglinge schlafen in der Regel nicht durch, und wer von seinen Kindern anderes erzählt, ist entweder ein sehr glücklicher Gewinner in der Erfreuliche-Kindereigenschaften-Lotterie oder ein L-Ü-G-N-E-R.
(Eine dritte Möglichkeit, quasi ein intellektueller Winkelzug, wäre eine versteckte Fußnote in der Mär vom Durchschlafen, in der beiläufig erwähnt wird, dass der Begriff „Durchschlafen“ sich in den wenigen bisher dazu gemachten wissenschaftlichen Untersuchungen auf eine Zeitspanne von nicht mehr als 5 Stunden bezieht. DAS können Kinder schon mal schaffen, ja. Selten.)
Meine Kollegin Katja hat ja die Theorie, dass die Lüge vom durchschlafenden Kind eine Art psychosoziale Halluzination ist. Diese Mütter WOLLEN glauben, dass es Kinder gibt, die durchschlafen. Und die Muttis, die tatsächlich behaupten, ihr Kind schlafe durch, WOLLEN das auch gerne so haben – und darum sehen die das dann auch so.
Das nenne ich: Pippi-Langstrumpf-Syndrom.
„Ich-mach-mir-die-Welt-widi-widi-wie-sie-mir-gefällt!“
Dieses Gerücht hat Folgen.
Zum Beispiel Bücher wie „Jedes Kind kann schlafen“.
Dieser Ratgeber bezieht sich auf das Prinzip des „Ferberns“ nach dem Entwickler des Programms. Grundidee: Ein Kind, das abends von alleine einschläft, schafft das auch nachts. Wenn es also in der Nacht wach wird, ist es nicht verunsichert und schreit nach den Eltern, sondern schläft einfach wieder ein. Wenn man dem Kind also durch kontrolliertes Alleinlassen beim Einschlafen dieses Prinzip nahe bringt, kann es sich irgendwann selbst helfen.
Schöne Idee.
Finden die Eltern.
Findet das Kind nicht.
Das Kind schreit.
Man könnte sagen, die Idee ist genau so schön wie die, dass ein Kind, das völlig isoliert von aller Kommunikation aufwächst, mit dem also während seiner ganzen Kindheit nie jemand redet oder schmust oder lacht oder wenigstens schimpft, dass dieses Kind irgendwann anfängt in der Ursprache der Menschen zu parlieren.
Das Beispiel ist obszön, mir klar, aber ist der Pfeil auch zu spitz, so zielt er doch aufs Herz.
Hier geht es um Menschenversuche, von denen nicht annähernd erwiesen ist, dass sie zu einem brauchbaren Ergebnis führen. (Ausführlichere Informationen finden sich auf der kritischen Seite www.ferbern.de) Niemand kann sagen, ob ein Kind, dass nach der Rosskur des „Ferberns“ zuverlässiger schläft, nicht auch ohne diese Tortur selbständig ins Reich der Träume gefunden hätte.
Aber hier geht es ja auch gar nicht um das Kind oder seine Wünsche und Belange, nicht wahr.
Der anhaltende Erfolg dieser menschenverachtenden Dressur-Fibel ist nichts weiter als der Ausdruck eines um sich greifenden Kontrollwahns junger Eltern, die ihre augenringfreie Gesichtshaut und ihre gemütlichen Rotwein-und-ne-schöne-DVD-aus-der-SZ-Cinemathek-Abende wiederhaben wollen. Wer es guten Gewissens fertig bringt, sein Kind diesem Ratgeber gemäß „kontrolliert schreien“ zu lassen. möchte wohl genau zu der Gruppe Menschen gehören, die auch sagen: „Sport muss schmerzen.“ „Wenn du verheiratet bist, tut es gar nicht mehr weh.“ „Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter.“ „Kalt duschen und hart schlafen hält fit bis ins hohe Alter.“
Tatsächlich aber sind Menschen, die solche Sprüche von sich geben, meist in erster Linie hart gegen sich selbst.
Eltern, die ihr Kind unter schlimmstem Geschrei zum radioweckertreuen Haushaltsvollmitgliedschaftsanwärter peitschen wollen, sind in erster Linie hart gegen ein Kleinstkind.
Wie tapfer, wie mutig!
Und wofür das alles?
- Ina P (33): „Um neben all diesem Babykram als Individuum nicht ganz verloren zu gehen.“ (Äh, hallo, der Babykram schreit sich gerade ein Lüngchen aus dem Hälschen.)
- Mirko C. (31): „Um auch noch auch ein bisschen was vom Tag zu haben.“ (Was denn? Ohrenschmerzen? Oder das Gefühl, etwas Richtiges gegen erbitterte Widerstände durchgesetzt zu haben?)
- Hanna J. (33): „Um endlich auch mal wieder die Tagesschau sehen zu können.“ (Und dann über das Elend der Kinder in Afrika den Kopf zu schütteln und sich über das Gebrüll des eigenen Nachwuchses hinweg zuzusichern, der habe es so gut, das wisse der gar nicht.)
Wie gesagt: Rotwein und DVD.
Was heißt überhaupt: kontrolliert schreien lassen?
Ist das so etwas wie: gesteuert zur Explosion bringen?
Gezielt streubomben?
Also, nee.
Auch ich würde gerne mal wieder in Ruhe fernsehen oder Musik hören oder einen heben gehen. Aber ehrlich gesagt, finde ich, das sollte man am liebsten tun, ohne überhaupt ein Kind zu haben. Kind stört nämlich beim Saufen und Fernsehen. Da ich aber nun ein Kind habe, und auch haben WOLLTE, und immer noch haben WILL, lasse ich die anderen Dinge eben bleiben, bis sie wieder passen. Meine Augenringe trage ich stolz zu Markte und sage: Sehet, wir haben ein Menschenkind!
Und kaufe mir keine martialischen Schrei-Guides, die als patentierte Schlafmittel daherkommen wollen.
So weit so gut.
Ich bin sicher, dieses Thema wird immer mal wieder auftauchen.
Jens Clasen - 31. Jul, 13:03
