21
Mai
2008

Der will – der kann.

Es heißt doch immer: „So ganz Kleine können ja noch nix.“
Von wegen.
Das will ich jetzt hier mal klarstellen.
Mein Sohn (7 Monate) kann:

- am Tag bis zu 3 Kilometer laufen (auf dem Rücken am Boden liegend, Beine in der Luft strampelnd)
- einen ihm zugeworfenen Ball fangen (mit Händen, Beinen und Füßen, rücklings in den Armen seiner Mutter liegend, die auch nur ein ganz klein bisschen mithilft)
- „Aguu“, „Jölleröö“, „Ababel“ und „Huuwuu“ sagen, in allen Lautstärken
- gezielt nach Gegenständen greifen und diese festhalten, drehen, betrachten und natürlich ablutschen und versuchsweise herunterschlucken (alles gern gesehen bei Spielzeug, nicht so gern bei Mamas Wurstbrot oder den Kordeln an Papas Kapuzensweater)
- vom Rücken auf den Bauch rollen (häufig) und wieder zurück (nicht ganz so häufig)
- durch ein einziges Lächeln wildfremden Menschen den Tag retten
- unheimlich laut schreien
- auf dem Wickelaufsatz für die Waschmaschine (zirka 95 Euro inkl. Versand, www.kindundraum.de) auf die Seite rollen und sich unnachgiebig an dessen Kante klammern, um jegliche weitere Attacke der lästigen Windelwechsel-und-Anzieh-Monster unmöglich zu machen
- einen Fernseher nach seinem (bereits sehr leise gedrehten) Geräusch im Raum orten und seinen Kopf in den unmöglichsten Winkeln dorthin ausrichten, so dass die Eltern, die das arme Kind nicht dem Flackergemetzel der medialen Welt aussetzen wollen, wohl oder übel wieder ausschalten
- den einfachsten Gegenständen wie etwa Plastiklöffeln, Papiertüten, Schnürsenkeln oder Getränkekartons eine halbe Stunde lang seine ungeteilte, von stummem Forscherdrang getriebene Aufmerksamkeit widmen
- ohne Gebrauch von artikulierter Sprache ganz genau seine Bedürfnisse deutlich machen, nur durch Mimik, Gestik – und Gebrüll.

Jetzt zum Beispiel gerade gehen die Bedürfnisse eher weg von "Papa zusehen, wie er an diesem leuchtenden Kasten sitzt" hin zu "mich von Papa spazieren fahren lassen".
Dann also: bis später!

20
Mai
2008

Hallo, ich bin der Neue – dein Alter!

„Alter, 7 Monate nicht arbeiten, wie cool!“
„Elternzeit, wie geil!“
„Das freut mich so für dich.“

So und so ähnlich lauteten die Kommentare, wenn ich vom bevor stehenden tiefen Einschnitt in mein Leben als young urban citizen erzählte, meinem Wechsel auf die andere Seite der Kinderzimmertür.
Jetzt ist es soweit.
Nach einem Monat "Einarbeitungszeit", in der wir zu zweit für unseren jetzt 7 Monate alten Sohn Henri da waren, geht die Mama wieder arbeiten.
Und Papa ist mit Henri allein zuhaus.
Natürlich freue ich mich auch riesig, endlich ganz viel Zeit mit meinem kleinen Sohn zu verbringen. Mit ihm „Der rasende Mini-Flieger erkundet das Wohnzimmer“ zu spielen oder „Der Greifer überfällt Hamburg“ oder „Der Greifer schnappt sich den verzauberten Rasselring und kaut darauf herum“.
Hinzu kommen Spiele wie „Der Greifer greift in einem unbeachteten Moment in seine volle Windel“ und „Der rasende Mini-Flieger schaltet auf akustische Vollattacke, weil der Hunger groß, der Tag lang und die Laune scheiße ist“.
„Der Greifer kann nicht schlafen und schreit das Haus zusammen.“
„Der Greifer hat vielleicht einen Pups quer liegen oder eine Erkältung oder Schmerzen – oder WARUM HÖRT DER ARME KLEINE MANN SEIT 10 MINUTEN NICHT AUF ZU SCHREIEN?!“
Tolle Spiele.
Von wegen nicht arbeiten.
Von wegen cool.
Ihr habt doch alle keine Ahnung.
Elternzeit ist der totale Stress.
Papa auf der Flucht.
Was macht der Mann, wenn er emotional überfordert ist?
Rückzug in vertraute Gefilde.
Ich übernehme also einen Smartie Rotzster, Modell Henri, Monat der Erstzulassung 10/2007, 0 Kilometer, Zustand: gebraucht – aber so gut wie neu. Farbe: perlweiß. Keine Gebrauchsspuren oder Lackschäden. Allerdings: Der Verbrauch ist enorm, man muss täglich bis zu 12 Mal tanken. Er hat einen völlig ungeregelten 2-Wege-Katalysator, ist von daher nur bedingt schadstoffarm. Und er verbraucht eine Menge Partikelfilter. Von großer Laufruhe ist er weit entfernt, die Motorleistung ist schwankend. Mal schnurrt er wie ein Kätzchen, dann dröhnt und brüllt er wieder wie ein Düsenjäger. Vor allem nachts kommt er gerne mal mit kreischenden Bremsen von der Fahrbahn ab.
Alles schön und gut.
Aber überhaupt nicht beruhigend.
Von Autos habe ich noch weniger Ahnung als von Kindern.
Immerhin habe ich meinen Zivildienst in einer integrativen Kindertagesstätte abgeleistet. Volle Windeln und Geschrei sollten mich also nicht mehr schocken.
Immerhin ist das ja auch erst 16 Jahre her.
Nee, aber ehrlich: So ein paar Schietbüdel werde ich noch verkraften. Die habe ich ja auch schon angefasst, während ich noch gearbeitet habe, Ehrensache.
Eben mal in der Mittagspause nach Hause, family life compact: futtern, knuddeln, wickeln und der Mutter das knuddelgekrümmte Rückgrat stärken. Und dann ganz schnell wieder abhauen an einen warmen, hellen Ort, ausgestattet mit neuester Technik und erwachsenen Menschen, die schon mehr Laute artikulieren können als „Arööö“ und „Jababbel“, und das auch in konstant angenehmer Lautstärke. Menschen, die nicht schreien, wenn sie Hunger haben, sondern einfach den Pizza Service rufen. Menschen, die selbständig auf die Toilette gehen.
Hach ja, das Büro.
Die Frage die mich wirklich am meisten beschäftigt: Was mache ich den ganzen Tag mit Henri, wenn ich nicht mehr zur Arbeit kann?
Und was macht Henri mit mir?
Wir werden sehen...
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