Der kleine Diktator
Mein Sohn ist mir unheimlich.
Sitz da keine 10 Monate alt vor dem großen Spiegel am Wandschrank, und hält Reden wie ein kleiner Stalin oder sonstige wahnsinnige Schnurrbartträger.
So richtig mit emporgereckter Faust, überschlagender Stimme, unterstreichenden Handkantenschlägen und kaltem Blick.
Gut, die Inhalte sind schwer verständlich – „Ifffzsch. Üddel-pfffffrrr, walaa. Giiie-kchee“ – aber darum nicht weniger eindringlich.
Alles klingt nach: Auf, voran, jetzt erst recht. Erst wir, dann vielleicht die anderen.
Henri Arthur, der Diktator.
Sofort regt sich bei mir das schlechte Gewissen:
Ist der Junge irgendwie an Nazi-Videos rangekommen?
Habe ich als Vater in dem Versuch versagt, mein Kind zu einem freiheitsliebenden Demokraten zu erziehen?
Wird mein Sohn ein stumpfer Anhänger brauner Fäuste-, Knüppel- und Parolenschwinger, schwingt er gar selbst welche?
Sofort habe ich seinen Schrank nach einschlägigen Klamotten und Symbolen untersucht – aber zum Glück von Springer-Stiefeln Größe 18 und Bomberjacke in Größe 74 keine Spur. Nur verdächtige Bücher habe ich gefunden: „Holger, der Hund“ Verdächtig viele H’s, oder? Oder hier: „Oh wie schön ist Panama“ – das klingt doch nach Eroberungsgelüsten unverbesserlicher Deutschkolonialisten.
Was mache ich nur, was mache ich nur?
Ich muss verhindern, dass der Junge auf die falsche Bahn gerät. Genau: Zunächst kommt die braune Nicki-Jacke weg.
Seine Mutter meint, ich übertreibe ein wenig.
Paranoia, meint sie.
Aber es heißt doch immer: Wehret den Anfängen!
Aber okay, ich beruhige mich erst einmal.
Ein Trost bleibt mir wenigstens:
Seine Glatze ist bald zugewachsen.
Sitz da keine 10 Monate alt vor dem großen Spiegel am Wandschrank, und hält Reden wie ein kleiner Stalin oder sonstige wahnsinnige Schnurrbartträger.
So richtig mit emporgereckter Faust, überschlagender Stimme, unterstreichenden Handkantenschlägen und kaltem Blick.
Gut, die Inhalte sind schwer verständlich – „Ifffzsch. Üddel-pfffffrrr, walaa. Giiie-kchee“ – aber darum nicht weniger eindringlich.
Alles klingt nach: Auf, voran, jetzt erst recht. Erst wir, dann vielleicht die anderen.
Henri Arthur, der Diktator.
Sofort regt sich bei mir das schlechte Gewissen:
Ist der Junge irgendwie an Nazi-Videos rangekommen?
Habe ich als Vater in dem Versuch versagt, mein Kind zu einem freiheitsliebenden Demokraten zu erziehen?
Wird mein Sohn ein stumpfer Anhänger brauner Fäuste-, Knüppel- und Parolenschwinger, schwingt er gar selbst welche?
Sofort habe ich seinen Schrank nach einschlägigen Klamotten und Symbolen untersucht – aber zum Glück von Springer-Stiefeln Größe 18 und Bomberjacke in Größe 74 keine Spur. Nur verdächtige Bücher habe ich gefunden: „Holger, der Hund“ Verdächtig viele H’s, oder? Oder hier: „Oh wie schön ist Panama“ – das klingt doch nach Eroberungsgelüsten unverbesserlicher Deutschkolonialisten.
Was mache ich nur, was mache ich nur?
Ich muss verhindern, dass der Junge auf die falsche Bahn gerät. Genau: Zunächst kommt die braune Nicki-Jacke weg.
Seine Mutter meint, ich übertreibe ein wenig.
Paranoia, meint sie.
Aber es heißt doch immer: Wehret den Anfängen!
Aber okay, ich beruhige mich erst einmal.
Ein Trost bleibt mir wenigstens:
Seine Glatze ist bald zugewachsen.
Jens Clasen - 11. Aug, 18:48
